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„Digitalisierung ist kein Selbstläufer“

Im Vordergrund ein Laptop, hinter dem ein Mann sitzt.
Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt enorm. Bedeutet das, dass beide Geschlechter Beruf und Familie in Zukunft besser vereinbaren können?
Foto: Julien Fertl Photography

Digitalisierung und Geschlechtergleichheit

„Digitalisierung ist kein Selbstläufer“

Smartphone, Tablet und Co. sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken – Digitalisierung nennt man diese Entwicklung. Damit verändern sich nicht nur Arbeitsverhältnisse, sondern auch Berufsbilder und Tätigkeiten. Aber hat die Digitalisierung darüber hinaus auch Auswirkungen auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Und auf das Verhältnis zwischen Frauen und Männern am Arbeitsplatz?

Der Begriff Digitalisierung wird häufig gebraucht, um unsere moderne Arbeitswelt zu beschreiben. „Unter Digitalisierung versteht man allgemein die stärkere Zusammenarbeit von Mensch und digitaler Technik –entweder in Form einer Kollaboration oder durch Automatisierung und Übernahme bestimmter Tätigkeiten“, fasst Dr. Stefanie Wolter vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zusammen. In der Folge verschieben sich Tätigkeitsprofile oder fallen komplett weg – gleichzeitig entstehen neue Berufsbilder.

Orts- und zeitungebundenes Arbeiten

Durch technische Geräte wie Laptop, Tablet oder Smartphone und entsprechende Programme, die etwa das Arbeiten in einer Cloud ermöglichen, haben Beschäftigte heute außerdem die Möglichkeit, zunehmend orts- und zeitungebunden zu arbeiten. Für die Zukunft sagen Studien die Abkehr von klassischer Erwerbstätigkeit im Unternehmen, von Kernarbeitszeiten und Präsenzarbeit voraus. „Die Digitalisierung wird verändern wie wir arbeiten und tut es schon“, bestätigt Dr. Yvonne Lott von der Hans-Böckler-Stiftung. „In immer mehr Berufen setzen sich Modelle wie Gleitzeit oder Homeoffice durch. Der hohe Fachkräftebedarf bewegt Unternehmen dazu, sich durch solche Angebote für Arbeitnehmer attraktiver zu machen“, ergänzt Nancy Schröder, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Bundesagentur für Arbeit.

Ein Porträt-Foto von Yvonne Lott.

Yvonne Lott

Foto: privat

Aber bedeutet diese Flexibilisierung, dass künftig beide Geschlechter Beruf und Familie besser vereinbaren können? Ob ein Arbeitnehmer flexible Arbeitszeitmodelle in Anspruch nehmen kann, ist maßgeblich von seiner Position im Unternehmen abhängig. Beschäftigte ohne Führungsposition können seltener im Homeoffice arbeiten oder Beginn und Ende ihrer Arbeitszeiten selber festlegen, weiß Stefanie Wolter. „Männer sind prozentual immer noch häufiger in Führungspositionen beschäftigt als Frauen. Man könnte also durchaus sagen, dass ihnen flexible Arbeitszeiten öfter zur Verfügung stehen“, erklärt sie. Es gibt aber auch Berufe, die sich grundsätzlich weniger für flexible Arbeitszeiten oder gar Homeoffice eigenen: Dazu zählen zum Beispiel Ärzte und Lehrkräfte – Berufe, in denen mit Menschen gearbeitet wird.

Geschlechterspezifische Aufteilung

Frauen leisten immer noch den größeren Anteil der Sorgearbeit – unbezahlte Arbeit im Haushalt und für die Familie – und nehmen dafür gerne flexible Arbeitszeitmodelle in Anspruch, wenn sie ihnen offen stehen. Aber auch Männer nutzen diese Modelle. Laut einer Studie der Arbeitszeitforscherin Yvonne Lott aber anders als Frauen: „Wenn beide Partner flexibel arbeiten, ändert sich bei der Aufteilung von Sorgearbeit eigentlich nichts“, erklärt sie. „Es kommt eher zu einer Verfestigung traditioneller Rollenbilder: Männer nutzen beispielweise Homeoffice, um Überstunden zu machen oder ihre Arbeit von zu Hause fortzuführen. Frauen machen zwar auch Überstunden im Homeoffice, aber betreuen nebenbei noch die Kinder.“

Ein Porträt-Foto von Stefanie Wolter.

Stefanie Wolter

Foto: Tabea Hartmann

Die Expertinnen stellen trotzdem die positiven Entwicklungsmöglichkeiten in den Vordergrund: „Die flexiblen Arbeitszeitmodelle haben das Potenzial, mehr Gleichheit zwischen Männern und Frauen zu schaffen, damit beide Geschlechter in Zukunft Familie und Beruf besser vereinbaren können. Hierzu braucht es aber ein Umdenken in den Unternehmen und eine Abkehr von der Präsenzkultur“, erklärt Stefanie Wolter.
Das hält auch Yvonne Lott für wichtig. „Die Digitalisierung per se stellt kein Gleichstellungspotenzial dar“, sagt sie. „Echte Geschlechtergleichheit beginnt mit einem Umdenken in der Unternehmenskultur und -politik! Dazu gehört, mehr Vertrauen in den Arbeitnehmer zu setzen, dass dieser im Sinne des Unternehmens handelt – auch wenn er beispielsweise im Homeoffice arbeitet.“ Zudem sollte es zur Normalität werden, dass Beschäftigte nicht alle persönlichen Verpflichtungen hinter den Beruf stellen. „Beförderungskriterien richten sich zum Teil immer noch nach Präsenz und Überstunden, die Arbeitsengagement signalisieren. Das gilt besonders für Firmen mit starker Erwartungshaltung und Leistungsorientierung“, erklärt die Forscherin. „Andere Lebensbereiche, die zur Regeneration und Gesunderhaltung dienen, müssen in Zukunft mehr anerkannt werden.“

Dann würden auch Klischees abgebaut, denen Frauen und Männer, die Sorgearbeit teilen möchten, in der Geschäftswelt ausgesetzt sind. Dabei sehen Stefanie Wolter und Nancy Schröder die Führungskräfte in der Pflicht. Durch deren Vorbild und eine Unternehmenspolitik, die bei Weiterbildungen und Aufstiegsmöglichkeiten alle Beschäftigten gleichwertig behandelt, könnten Vorurteile beseitigt werden. Dann hätten beispielsweise auch Frauen in Teilzeit die gleichen Aufstiegschancen.

Geschlechterneutrale Information

Ein Porträt-Foto von Nancy Schröder.

Nancy Schröder

Foto: privat

Und wie sieht es mit der Geschlechtergleichheit in bestimmten Berufen aus? „Durch die Automatisierung von Arbeitsabläufen ist es möglich, dass Frauen in Berufen arbeiten, die körperlich sehr anstrengend sind, eben weil diese Arbeitsschritte erleichtert werden – im Straßenbau beispielsweise“, erklärt Nancy Schröder. „Trotzdem sehen wir in solchen Berufen nach wie vor nur wenige Frauen.“

Woran liegt das? Die Expertinnen sind sich einig: Die Ausprägung von geschlechtsspezifischen Vorlieben für bestimmte Tätigkeitsfelder beginnt bereits in jungen Jahren. Besonders wichtig sei deshalb eine geschlechterneutrale Information an den Schulen und in der Berufsberatung, sodass junge Frauen die Möglichkeit haben, „typische Männerberufe“ kennen zu lernen und anders herum. „Wir beginnen mit der Berufsberatung in den achten Klassen“, erklärt Nancy Schröder. „Dabei stellen wir fest, dass geschlechtertypische Berufsvorstellungen bereits fest verankert sind.“ Alleine die Technik wird es also nicht richten. „Die Digitalisierung ist kein Selbstläufer. Der technologische Fortschritt wird nicht automatisch bestimmte Konsequenzen mit sich bringen – es ist viel mehr entscheidend, was wir daraus machen“, findet Yvonne Lott.

abi>> 09.03.2020

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