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„Ohne Durchhaltevermögen geht es nicht“

Laura Bücheler und Isabella Hillmer stehen auf einer Bühne und nehmen den Preis entgegen.
2019 haben die Gründerdinnen mit ihrer Erfindung den Porsche-Innovationswettbewerb gewonnen.
Foto: Porsche AG

Typisch Frau, typisch Mann - Interview

„Ohne Durchhaltevermögen geht es nicht“

Auf Erfolgskurs: Isabella Hillmer (28) und Laura Bücheler (29) starten mit ihrem Start-up „Ghost – feel it“ in Berlin gerade richtig durch: abi» hat mit den beiden Frauen über Erfolg, Freundschaft, Idole und längst überholte Denkmuster gesprochen.

abi» Frau Bücheler, Frau Hillmer, was macht „Ghost - feel it”?

Isabella Hillmer: Wir entwickeln haptische User-Interfaces zur Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung. Angefangen hat alles mit einem Handschuh, der Menschen mit Nervenschäden wieder etwas fühlen lässt. Inzwischen erweitern wir diese Idee auf weitere Anwendungsgebiete, zum Beispiel haben wir für die Automobilbranche einen Autositz entwickelt, der den Fahrern ein haptisches Feedback zum Fahrstil gibt, also zum Beispiel signalisiert, wenn man zu schnell fährt.

abi» Wie kamen Sie auf diese Geschäftsidee?

Laura Bücheler: Die Idee kam von Isabella. Sie hat sich an der Uni bei einem Seminar zu kognitiven Neurowissenschaften die Frage gestellt, ob Prothesen nicht in der Lage sein müssten zu fühlen, da sie doch auch Bewegungen ausführen können.

Isabella Hillmer: Ich hatte tatsächlich schon immer großen Schöpferdrang und Lust auf kreative Projekte. Hier hatte ich das Gefühl, dass es sich lohnen könnte, den Gedanken weiterzuverfolgen. Laura und ich haben viel über die Idee gesprochen, solche Prothesen zu entwickeln, und den Entschluss gefasst, gemeinsam diesen Schritt zu gehen.

abi» Was sind jeweils Ihre Aufgaben im Start-up?

Laura Bücheler: Die Aufgaben sind unseren Kompetenzen entsprechend verteilt. Ich kümmere mich zum Beispiel um die Finanzierung und die Business-Planung. Isabella ist für die Konzeption unserer Produkte verantwortlich.

Isabella Hillmer: Momentan übernehmen wir noch die Buchhaltung und die Personalbetreuung selbst. Das wird sich ändern, sobald wir mehr Mitarbeiter haben. Bei vielen Dingen sprechen wir uns einfach kurz ab, wer was übernehmen kann. Wichtige Entscheidungen treffen wir aber immer zusammen.

abi» Welche Eigenschaften braucht man, um erfolgreich ein Unternehmen zu gründen?

Ein Porträt-Bild von Isabella Hillmer und Laura Bücheler vor schwarzem Hintergrund.

Isabella Hillmer und Laura Bücheler

Foto: Robert Greinacher

Isabella Hillmer: Resilienz, also Widerstandskraft, ist meiner Meinung nach die wichtigste Eigenschaft: Man muss mit Rückschlägen umgehen können und an sich selbst und seine Idee glauben, selbst wenn es mal nicht so gut läuft.

Laura Bücheler: Ja, das stimmt. Ohne Durchhaltevermögen geht es nicht. Es wird immer Kritiker geben, die Zweifel äußern und nicht an deinen Erfolg glauben. Davon darf man sich nicht abhalten lassen. Wichtig ist aber vor allem, kundennah zu denken. Eine Idee ist nur dann erfolgsversprechend, wenn sie für Kunden interessant ist.

abi» Gehört nicht viel Mut dazu, ein Unternehmen zu gründen?

Laura Bücheler: Ich finde, dieser Punkt wird oft überschätzt. Wir haben uns damals gefragt, was das Schlimmste ist, das passieren kann, und gemerkt, dass das Risiko gar nicht so groß ist. Falls wir scheitern, müssen wir uns eben etwas anderes überlegen. Schlimmer fände ich es hingegen, es gar nicht erst zu versuchen.

abi» Hatten Sie auf ihrem beruflichen Werdegang schon einmal mit geschlechterspezifischen Vorurteilen zu kämpfen?

Laura Bücheler: Ich habe Ingenieurwissenschaften studiert und dabei die Erfahrung gemacht, dass Frauen oft weniger zugetraut wird als Männern. Ich hatte das Gefühl, mich erst beweisen zu müssen. Später bei meinem ersten Job habe ich mitbekommen, dass ein männlicher Kollege, der schlechter qualifiziert war als ich, mehr verdient hat. Das fand ich frustrierend.

Isabella Hillmer: Ich habe eine andere Seite erlebt. Da mit mir überwiegend Frauen Psychologie studiert haben, sind die wenigen Männer umso mehr aufgefallen. Unter den Frauen hat das einen starken Konkurrenzkampf ausgelöst – als gäbe es an der Spitze nicht genug Platz für alle und man müsse sich untereinander ausstechen.

abi» Dass zwei Frauen ein Start-up gründen, ist heute immer noch etwas Besonderes – vor allem im technischen Bereich. Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit zwischen Frauen und Männern keine Unterschiede mehr gemacht werden?

Isabella Hillmer: Es gibt bereits Veränderungen, aber da diese Denkmuster so fest in uns verankert sind, geht es nur langsam voran – nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen. Es fängt schon sehr früh an, dass wir in Schubladen gesteckt werden. Ich galt als Kind zum Beispiel als die Kreative, mein Bruder als der Clevere. Heute ist mir bewusst, wie sehr mich das geprägt hat. Wenn wir endlich aufhören, uns selbst und andere in Schubladen zu stecken, wird es einfacher.

Laura Bücheler: Ich denke, wir können nur etwas ändern, indem wir selbst aktiv werden. Wir müssen für unsere Ziele einstehen und fordern, was wir wollen – auch bei Gehaltsverhandlungen. Jungen Frauen fehlt es da oft noch am nötigen Selbstbewusstsein. Umso wichtiger ist es deshalb, Vorbilder zu haben.

abi» Haben Sie selbst Idole, die Sie inspirieren?

Isabella Hillmer: Neri Oxman. Sie ist Designerin und Professorin am MIT Media Lab in Massachusetts. Ich finde es toll, dass sie neue Wege geht, indem sie für ihre Arbeit verschiedene Disziplinen auf ungewöhnliche Weise miteinander verbindet. Sie wirkt sehr souverän und lässt sich von Kritikern nicht beirren. Das bewundere ich.

Laura Bücheler: Es gibt viele Frauen, die mich inspirieren. Grundsätzlich finde ich es toll, wenn erfolgreiche Frauen auch sympathisch sind und nicht denken, dass sie übertrieben taff auftreten müssen, um ernst genommen zu werden.

abi» Sie kennen sich schon aus Schulzeiten. Ist das eher ein Vor- oder ein Nachteil, wenn man ein Unternehmen gründet?

Laura Bücheler: Beides. Freundschaft und Karriere miteinander zu verbinden, birgt immer ein Risiko und sollte gut überlegt sein. Es ist aber auch ein Vorteil, dass wir uns so gut kennen und wissen, wo die Stärken des anderen liegen.

Isabella Hillmer: Man muss lernen, Freundschaft und Geschäft voneinander zu trennen. Wenn wir uns privat sehen, versuchen wir, nicht über Geschäftliches zu sprechen – das ist natürlich nicht immer ganz einfach. Wichtig ist es dennoch, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen: Denn wenn man zusammen gründet, gehören Diskussionen und Auseinandersetzungen nun mal dazu.

abi» Welche Tipps können Sie Abiturienten geben, die mitten in der Berufswahl stecken?

Laura Bücheler: Lasst euch nicht entmutigen und probiert aus, was euch interessiert!

Isabella Hillmer: Genau, es läuft nicht immer alles nach Plan, und manchmal stellen wir fest, dass der Weg, den wir eingeschlagen haben, nicht der richtige ist. Doch oft sind es die Umwege, die uns letztendlich ans Ziel führen.

Steckbrief

Name: Isabella Hillmer
Alter: 28 Jahre
Studium:
Psychologie (Bachelor und Master of Science)
Industriedesign (Bachelor und Master of Science)

Steckbrief

Name: Laura Bücheler
Alter: 29 Jahre
Studium:
Ingenieurwissenschaften (Bachelor of Engineering)
Medizintechnik (Master of Engineering)

abi>> 09.03.2020

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