beruf & karriere

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Familie und Beruf flexibel managen

Wenn beide Elternteile arbeiten gehen oder Alleinerziehende ihren Alltag meistern wollen, müssen die Tage genau geplant werden. Doch nicht immer läuft alles reibungslos: Sowohl auf Arbeitnehmer- als auch auf Arbeitgeberseite ist Flexibilität gefragt.

Foto von einem Wecker

Wer Familie hat und berufstätig ist, lebt nicht selten nach Zeitplan.

Ein ganz normaler Mittwoch bei Familie Reiland: Mittags macht sich der siebenjährige Jakob auf den Weg von der Schule nach Hause, wo seine Mutter Stefanie (35) mit dem Essen auf ihn wartet. Am Nachmittag holen beide die dreijährige Mira aus dem Kindergarten. Gegen 18:30 Uhr dann kommt Vater Tobias (34) heim, sodass alle gemeinsam zu Abend essen können.

Die übrige Woche wäre ohne Großeltern kaum zu meistern, die auf die Kinder aufpassen, während die Eltern im Beruf sind und keine andere Betreuung möglich ist. Stefanie Reiland arbeitet als Diplom-Verwaltungswirtin in Teilzeit in der Finanzabteilung der Universität Trier – mittwochs vier, dienstags und donnerstags je acht Stunden. Diplom-Verwaltungsbetriebswirt Tobias Reiland ist kaufmännischer Direktor bei der ebenfalls in der ältesten Stadt Deutschlands ansässigen Stiftung Vereinigte Hospitien. Er arbeitet Vollzeit, doch die Führungsposition erlaubt es ihm, seine Arbeitszeit flexibel zu gestalten: „Ich versuche, meine beruflichen Verpflichtungen um Familienrituale wie das Abendessen herum zu stricken“, sagt er. Dafür setzt er sich abends, wenn Mira und Jakob im Bett sind, nochmal an den Computer.

Bei Jobsuche Familienbedürfnisse bedacht

Die Familie habe für sie Priorität, bekräftigen die Eltern. Schon bei der Stellensuche achtete Stefanie Reiland etwa darauf, dass ihre Anstellung gut mit Familienbedürfnissen vereinbar ist. Als Beamtin hat sie ein Recht auf sogenannte familienbedingte Teilzeit oder Beurlaubung. Aufgaben- und organisationsbedingt kann sie auf familiäre Bedürfnisse reagieren: Die Gleitzeit erlaubt es ihr, morgens zwischen 7 und 9 Uhr anzufangen. Und wenn eines der Kinder krank ist, kann sie nach Rücksprache mit dem Arbeitgeber Arbeitstage tauschen.

Teilzeit ist das in Deutschland am häufigsten genutzte Arbeitszeitmodell. Und: „Nach wie vor sind es vor allem Frauen, die infolge der Geburt von Kindern den Umfang der Erwerbstätigkeit der veränderten familiären Situation anpassen“, heißt es im Datenreport von November 2018, einem Sozialbericht, der alle zwei Jahre von der Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation unter anderem mit dem Statistischen Bundesamt herausgegeben wird. Demnach waren bei fast drei Vierteln (72 Prozent) der Ehepaare mit Kindern unter 15 Jahren der Vater Vollzeit und die Mutter Teilzeit erwerbstätig. Deutlich höher waren 2017 die Vollzeitquoten der alleinerziehenden Mütter (39 Prozent) und Lebenspartnerinnen (41 Prozent).

Work-Life-Balance wird immer wichtiger

Unter das Stichwort Teilzeit fallen verschiedene Arbeitszeitmodelle, nicht nur die klassische Halbtagsstelle. Auch Job-Sharing, Wahl- und Jahresarbeitszeit gehören dazu. Wer vor allem zeitlich flexibler arbeiten möchte, um selbstbestimmter die beruflichen Pflichten den Familienbedürfnissen anzupassen, findet ebenfalls verschiedene Modelle, von Gleitzeit über Homeoffice bis zur Vertrauensarbeitszeit – siehe Übersicht „Familienfreundliche Arbeitszeitmodelle“.

Foto von Oliver Schmitz

Oliver Schmitz

Doch wie findet man heraus, welches Modell passt und vom Arbeitgeber mitgetragen wird? „Das hängt von vielen Faktoren ab“, sagt Oliver Schmitz, Geschäftsführer der berufundfamilie Service GmbH. So spielen etwa Region, Branche und Tätigkeitsprofil eine Rolle: „Wer in der Produktion an Maschinen arbeitet, kann nicht ins Homeoffice gehen. Und im Schichtdienst ist Gleitzeit häufig nur sehr begrenzt möglich.“ Schon bei der Jobsuche lohnt es sich, auf die Angebote der Unternehmen zu schauen. „Arbeitgeber machen zunehmend Werbung mit mehr Flexibilität bei Arbeitszeit und -ort“, sagt Oliver Schmitz. Sie bemühten sich offensiv vor allem um junge Bewerber. Für die ist oft nicht nur Gehalt und Dienstwagen, sondern auch eine gute Work-Life-Balance ausschlaggebend.

Gute Team- und Vertrauenskultur unerlässlich

Um herauszufinden, ob die Angebote auch wirklich gelebt werden, könne man mit Mitarbeitern des Unternehmens sprechen, sagt Oliver Schmitz. Denn für eine erfolgreiche Umsetzung ist eine gute Team- und Vertrauenskultur unerlässlich: „Die Kollegen müssen sich absprechen und aufeinander verlassen können.“

Mit Blick in die Zukunft ist sich Oliver Schmitz sicher, dass es dank zunehmender Digitalisierung mehr Flexibilität bei Arbeitszeit- und -ort geben wird. Und betont zugleich, dass man die Grenzen achten soll: Immer und überall arbeiten zu können berge die Gefahr des „Ausbrennens“. Auch der Trend zu immer effizienterem Arbeiten – Stichwort Viertagewoche – habe Schattenseiten: „Extrem optimiertes Arbeiten kann die Innovationskraft schwächen, da sie keinen Raum für neue Ideen, Fehlerkultur und Kreativität lässt.“ Ein weiterer Zukunftstrend, der auch von der Politik forciert wird, ist der zu mehr Partnerschaftlichkeit bei Familienpflichten und damit auch bei der Entscheidung, wer wie lange beruflich kürzer tritt.

Betreuungsbedarf von Kindern nicht gedeckt

Vor allem wenn beide Elternteile arbeiten sowie für berufstätige Alleinerziehende – siehe Erfahrungsbericht „Das Familienleben ist extrem durchgetaktet“ – ist neben kooperativen Arbeitgebern und Kollegen auch eine gesicherte Kinderbetreuung unerlässlich. Seit August 2013 gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab Vollendung des ersten Lebensjahres. Jedoch ist der Bedarf höher als das Angebot: „47,7 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren wünschten sich 2018 einen Betreuungsplatz für ihr Kind. Mit Blick auf die Betreuungsquote von 33,6 Prozent bedeutet das: Der Bedarf in Deutschland ist noch nicht gedeckt und der Ausbau muss weitergehen“, informiert das Bundesfamilienministerium in der Publikation „Kindertagesbetreuung Kompakt“.

Die Betreuung ist auch für studierende Eltern wesentlich (siehe Erfahrungsbericht „Dozenten beim Spielenachmittag“, der Beitrag wird verlinkt). Sie finden bei den Studierendenwerken verschiedene Angebote. „Bundesweit gibt es rund 210 Kindertageseinrichtungen mit etwa 9.200 Plätzen, davon circa 4.800 für unter Dreijährige“, informiert Isabelle Kappus, Leiterin der vom Bundesbildungsministerium geförderten Servicestelle Familienfreundliches Studium des Deutschen Studentenwerks. Der Bedarf an flexibler Betreuung ist bei Studierenden besonders hoch, um beispielsweise Blockveranstaltungen oder Prüfungen wahrnehmen zu können. Beratung zu Finanzierungsfragen erhalten Studierende bei den Sozialberatungsstellen der Studierendenwerke. Die Familienbüros der Hochschulen geben Tipps zu Studienorganisation.

Weitere Informationen

Erfolgsfaktor Familie

Plattform des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf

erfolgsfaktor-familie.de

„Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten!“

Mit dem Projekt unterstützt der Deutsche Gewerkschaftsbund Gewerkschaften sowie Betriebs- und Personalräte dabei, familienbewusste Maßnahmen in ihren Betrieben und Verwaltungen einzuführen und voranzubringen

vereinbarkeit.dgb.de

berufundfamilie Service GmbH

Dienstleister und Think-Tank im Themengebiet Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben. Zentrales Angebot ist das von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung initiierte audit „berufundfamilie“ bzw. „familiengerechte hochschule“

berufundfamilie.de

Verband alleinerziehender Mütter und Väter

Der VAMV unterstützt Alleinerziehende durch Informationen, professionelle Beratung und Lobbyarbeit

vamv.de

Verband berufstätiger Mütter

Der VBM berät Frauen und Männer zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Er übernimmt zudem die Interessenvertretung für berufstätige Mütter

vbm-online.de

Servicestelle Familienfreundliches Studium

Die Servicestelle im Deutschen Studentenwerk unterstützt die Entwicklung und nachhaltige Verstetigung von Unterstützungsangeboten für Studierende mit Familienaufgaben. Sie wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung

studentenwerke.de/de/content/sfs

abi» 02.04.2020

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