Raus aus der Schule, rein in die Praxis!

Eine junge Frau steht mit dem Laptop am Schaltschrank und programmiert die Steuerung für die Modell-Fertigungsanlage.
Eine Ausbildung bietet Abiturienten auch abseits der Hochschule spannende berufliche Möglichkeiten. Im dualen Modell eignen sich die Auszubildenden praktische Fähigkeiten im Unternehmen und Fachwissen in der Berufsschule an.
Frank Pieth

Ausbildung

Raus aus der Schule, rein in die Praxis!

Mit Abitur in die Ausbildung statt ins Studium? Klar, warum nicht? Denn möchte Ihr Kind lieber schnell in die Berufswelt einsteigen und nicht mehr nur pauken, kann die Berufsausbildung eine gute Alternative zum Studium sein. Zudem gibt es nach dem Abschluss vielseitige Aufstiegsmöglichkeiten.

Von A wie Anlagenmechaniker bis Z wie Zimmerer: In Deutschland gibt es rund 330 anerkannte Ausbildungsberufe – bei der großen Auswahl ist für jeden etwas dabei. Auch bei Abiturienten wird dieser Bildungsweg immer beliebter: Dem aktuellen Berufsbildungsbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zufolge verfügte im Jahr 2016 mehr als jeder fünfte Ausbildungsanfänger über die (Fach-)Hochschulreife. Insbesondere kaufmännische Ausbildungen sowie solche im Bereich Medien oder IT locken Studienberechtigte.

Unabhängig von der Branche ermöglichen Ausbildungen, schnell praktische Erfahrungen zu sammeln und in den gewünschten Beruf einzusteigen. Die Dauer der Ausbildung variiert zwischen zwei und dreieinhalb Jahren – je nach Ausbildungsberuf, der beruflichen Vorbildung und dem Schulabschluss. Gut zu wissen: Abiturienten können die Ausbildungszeit unter bestimmten Voraussetzungen bis zu einem Jahr verkürzen, wenn zum Beispiel ein gewisser Notenschnitt in der Berufsschule erreicht wird.

Praxis und Theorie miteinander verknüpft

Doch Ausbildung ist nicht gleich Ausbildung, denn in Deutschland gibt es verschiedene Modelle. Das Flaggschiff ist die duale Ausbildung, auch betriebliche Ausbildung genannt, die vor allem in Industrie, Handel, Handwerk, Landwirtschaft und öffentlichem Dienst verbreitet ist. Mehr als die Hälfte aller Ausbildungsstellen wird in diesem Modell angeboten.

Ein Porträtbild von Meike Al-Habash

Meike Al-Habash

Foto: IHK Berlin

Dual bedeutet, dass die Auszubildenden im Betrieb praktische Fertigkeiten erlernen und erste Einblicke in die Berufswelt erhalten, außerdem an der Berufsschule theoretische Fachkenntnisse sammeln. Eine Kombination mit Mehrwert, findet Meike Al-Habash von der Industrie- und Handelskammer Berlin: „Wenn ich theoretisches Wissen in der Praxis erfahren und anwenden darf, füllt sich das Ganze mit Leben. Das Erlernen von Kompetenzen und Fähigkeiten sowie sozialen Kompetenzen in einem Unternehmen ist sehr vorteilhaft für das erfolgreiche Ausüben eines Berufes.“

Dual Auszubildende erhalten eine Vergütung, die je nach Branche, Beruf und Region variiert. Stetig aktualisierte Informationen zur jeweiligen Vergütung liefert das Portal BERUFENET. Ungeachtet der Höhe bedeutet das eigene Geld einen ersten großen Schritt in Richtung finanzielle Unabhängigkeit für die Auszubildenden.

Der dualen Ausbildung ähnlich ist der sogenannte Vorbereitungsdienst für Beamte im mittleren technischen oder nicht-technischen Dienst. Neben praktischer Phasen im Betrieb besuchen die Auszubildenden Verwaltungsfachschulen. Die Dauer beträgt zwischen zweieinhalb bis drei Jahren. Außerdem wird eine Vergütung bezahlt.

Schule plus Praktika

Bei der schulischen Ausbildung lernen die Schüler in Vollzeit an Berufsfachschulen, Berufskollegs oder Fachakademien und schnuppern meist während mehrwöchiger Praktika in ihren künftigen Beruf hinein. Üblich ist diese Art von Ausbildung vor allem im Bereich Gesundheit, Pflege und Medizin, aber auch in einigen technischen, sozialen, wirtschaftlichen und gestalterischen Berufen.

Bei manchen schulischen Ausbildungen erhalten Auszubildende eine Vergütung, zum Beispiel angehende Gesundheits- und Krankenpfleger. „Meist ist dies jedoch nicht der Fall“, gibt Susanne Schmitz, Beraterin für akademische Berufe bei der Agentur für Arbeit Rheine und Steinfurt, zu bedenken. „Im Gegenteil, bei vielen schulischen Ausbildungen zahlt man Schulgeld, zumal es in diesem Bereich auch viele private Anbieter gibt.“ Um die Kosten zu stemmen, kann bei schulischen Ausbildungen Schüler-BAföG beantragt werden, das nicht zurückgezahlt werden muss.

Um aufgenommen zu werden, müssen interessierte Jugendliche zum Teil Eignungstests absolvieren. Im Gesundheitsbereich muss zudem häufig ein Gesundheitszeugnis vorgelegt werden. Achtung: Je nach Schule können unterschiedliche Anmeldefristen bestehen – hier sollte man sich daher etwa ein Jahr zuvor schlau machen.

Ausbildung mit gewissem Extra

Eine besondere Option für Studienberechtigte ist die doppelt qualifizierende Ausbildung, auch Abiturientenausbildung genannt. Erworben werden hierbei gleich zwei Abschlüsse. Dieses Modell ist vor allem im kaufmännischen Bereich zu finden, zum Beispiel kann die duale Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel mit der Weiterbildung zum Handelsfachwirt kombiniert werden.

Von den Auszubildenden wird zugegebenermaßen in kurzer Zeit ein ordentliches Maß an Disziplin und Lernbereitschaft abverlangt. Dafür können sie nach in der Regel drei Jahren einen Berufsabschluss und einen Abschluss auf Bachelorniveau vorweisen.

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Was will ich werden?

Ungeachtet des Modells geht es zunächst um die Frage, für welchen Beruf sich Ihr Kind entscheiden will – handwerklich-technisch, kaufmännisch-verwaltend, künstlerisch-kreativ, sozial-pflegerisch? Angesichts der großen Zahl an Ausbildungsberufen und der unzähligen, teils sehr verschiedenen Ausbildungsbetrieben, sieht man schnell den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Erste Orientierung in den verschiedenen Berufsfeldern ermöglichen Portale wie berufsfeld-info.de/planet-beruf, planet-beruf.de oder abi>>. Reportagen und Hintergrundtexte eröffnen Einblicke in unterschiedliche Ausbildungen und Berufe. Im nächsten Schritt sollte man die eigenen Interessen und Fähigkeiten unter die Lupe nehmen. Die Bundesagentur für Arbeit liefert hierfür einige Tools: Das Selbsterkundungstool Berufsausbildung hilft dabei, die eigenen Stärken und Interessen, beim BERUFE Entdecker entscheiden die Jugendlichen intuitiv anhand von Bildern und Tätigkeiten, welche Berufsbereiche sie ansprechen, und im Gespräch mit Berufsberatern einer Agentur für Arbeit können individuelle Vorschläge erarbeitet werden.

Ist eine erste Auswahl getroffen, heißt es: Informieren und ausprobieren!Neben der Onlinerecherche bieten sich für Ersteres zum Beispiel Ausbildungsmessen an, bei denen die Jugendlichen meist direkt ins Gespräch mit Vertretern unterschiedlicher Unternehmen oder gar mit Auszubildenden kommen können. Noch eindrücklicher sind eigene Erfahrungen, die während eines Praktikums gesammelt werden können. Denn entscheidend ist, die eigenen Vorstellungen vom Wunschberuf mit der Realität zu vergleichen, um Überraschungen in der Ausbildung zu vermeiden.

Rechtzeitig bewerben

Ist die Wahl getroffen, kann es ans Bewerben gehen. Hier lautet das Motto: Je früher desto besser. Manche Unternehmen suchen bereits ein bis anderthalb Jahre vor Ausbildungsbeginn. Bei anderen kommt man auch zu einem späteren Zeitpunkt noch zum Zug, weiß Meike Al-Habash von der IHK Berlin: „Die Chancen stehen nicht schlecht, auch noch in den Sommerferien einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Schließlich bleiben mehrere zehntausend Stellen jedes Jahr bundesweit unbesetzt.“ Ausbildungen beginnen meist am 1. September, in manchen Fällen auch am 1. Februar oder April.

Offene Ausbildungsstellen findet man zum Beispiel in Online-Börsen im Internet, wie der JOBBÖRSE der Bundesagentur für Arbeit und den Lehrstellenbörsen der Industrie- und Handelskammern oder der Handwerkskammern. Aber auch auf den Internetseiten der Unternehmen selbst, oft unter „Karriere“ oder „Jobs“, werden Ausbildungsplätze ausgeschrieben.

Start in die Ausbildung

Kommt die Zusage, müssen vor Ausbildungsbeginn einige Dinge erledigt werden. Dazu zählt als erstes, den Ausbildungsvertrag zu unterschreiben. Das BIBB bietet auf seiner Internetseite einen Mustervertrag samt Merkblatt mit Tipps an. Informationen etwa zum Arbeitsrecht hat der Deutsche Gewerkschaftsbund Jugend auf seiner Homepage gesammelt.

Auf der To-do-Liste vor der Ausbildung stehen zudem das eigene Bankkonto, eine Krankenversicherung sowie die Steueridentifikations- und Sozialversicherungsnummer. Sind Auszubildende minderjährig, muss dem Arbeitgeber eine Bescheinigung des Hausarztes vorgelegt werden, die bestätigt, dass er oder sie für den gewählten Beruf gesundheitlich geeignet ist. In einigen Berufen ist das Gesundheitszeugnis generell Pflicht, in anderen kann auch ein polizeiliches Führungszeugnis verlangt werden.

Probleme offen ansprechen

Selbst nach intensiver Recherche und guter Vorbereitung kann es allerdings vorkommen, dass man unzufrieden mit der gewählten Ausbildung ist. Gibt es etwa Probleme mit dem Vorgesetzten? Sind die Aufgaben zu leicht oder zu schwer? Oder passt die Ausbildung einfach nicht zu den Vorstellungen? Ein Viertel der Auszubildenden entschied sich laut dem Berufsbildungsbericht 2018 aus diesen und ähnlichen Gründen, ihren Ausbildungsvertrag vor dem Abschluss zu lösen.

Florian Kaiser, Bildungsberater bei der IHK für München und Oberbayern, rät: „Bei all diesen Problemen gilt, nicht gleich die Flinte ins Korn zu werfen. Wichtig ist, das Gespräch zu suchen: mit Eltern oder Freunden und natürlich mit dem Ausbildungsverantwortlichen im Betrieb. Oftmals lassen sich so Probleme aus der Welt schaffen.“ Finden sich dadurch keine Lösungen, können Vertreter der Agenturen für Arbeit, der IHKs oder der Handwerkskammern vermitteln und beraten.

„Wer allerdings sicher ist, den falschen Beruf gewählt zu haben, muss sich nicht drei Jahre durchkämpfen“, findet der Experte. „Dann ist es kein Beinbruch, wenn man die Ausbildung aufgibt und sich etwas Neues sucht.“ Wird der Vertrag noch während der Probezeit gelöst, kann dieser ohne Nennung von Gründen fristlos gekündigt werden. Danach gilt die gesetzliche Kündigungsfrist von vier Wochen. Wird die Ausbildung in einem anderen Betrieb fortgeführt, kann die bisher geleistete Ausbildungszeit in der Regel angerechnet werden.

Die Karriereleiter rauf

Hat Ihr Sprössling die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, ist dies bereits ein großer, erfolgreicher Schritt. Danach bieten sich verschiedene Optionen, sich weiterzubilden. Eine Aufstiegsweiterbildung bereitet auf höhere Positionen im Unternehmen vor und ist vergleichbar mit dem Bachelor-Niveau. Dazu zählen etwa der Fachwirt, der technische Fachwirt, der staatlich geprüfte Techniker oder der Meister. Voraussetzung ist je nach Weiterbildung die abgeschlossene Berufsausbildung sowie ein bis fünf Jahre Berufserfahrung. Wer dann noch nicht genug hat, kann sich zum Betriebswirt ausbilden lassen, was wiederum dem Master-Niveau entspricht.

Und natürlich steht Abiturienten mit Ausbildungsabschluss weiterhin der Weg an die Hochschule offen. Der praktische Hintergrund und die akademische Ausbildung sind als Kombination gute Argumente, um beim künftigen Arbeitgeber zu punkten und zu zeigen: Ich kann anpacken und bin bereit, mich weiterzuentwickeln.

Mehr Infos

zum Thema Ausbildungen

www.abi.de/ausbildung.htm

zum Thema Berufe

www.abi.de/beruf-karriere.htm

zum Thema Bewerbung

www.bewerbung.abi.de im Pfad „Ausbildungsplatz“

zum Thema Ausbildungsabbruch

www.abi.de/ausbildung/ausbildungsabbruch.htm

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Stand: 23.11.2019