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100 erste Tage an der Uni

Bürokratiestaat Deutschland (Teil 1)

Eigentlich hatte ich noch nie wirklich das Gefühl, dass Deutschland so übertrieben bürokratisch ist, wie immer gerne behauptet wird. Ich meine, okay, für den Führerschein damals brauchte ich eine ganze Menge Unterlagen – vor allem, weil ich mich für das begleitende Fahren entschieden hatte – aber das erschien mir wirklich notwendig. Warum genau man für die Immatrikulation auch noch Versicherungsnachweise braucht, war mir ebenfalls nicht unbedingt klar, aber so übertrieben bürokratisch fand ich das nun auch nicht. In der letzten Zeit habe ich allerdings zunehmend das Gefühl, dass ich hier vielleicht doch in einem Land lebe, das Regelungen viel zu wichtig nimmt und sich mit doppelten Durchschlägen und allerlei notwendigen Unterschriften umgeben möchte.

Es fing ganz harmlos damit an, dass zwei Freundinnen von ihren Auslandsaufenthalten in Argentinien und Togo zurückkamen. Angesichts der fehlenden Buspläne in Argentinien war ich nahezu geschockt: „Aber woher weiß man denn da, wann der Bus kommt?“ – „Das sagen die einem.“ – „Und woher wissen die das?“ – „Die wissen das halt. Außerdem kommt der Bus ja nicht zu festen Zeiten, sondern alle zehn Minuten oder alle halbe Stunde, man muss also nur lange genug warten.“ – „Und was, wenn man einen wichtigen Termin hat, zu dem man pünktlich erscheinen muss?“ – „Janna, es ist Argentinien!“

Nein, ich konnte und wollte das nicht verstehen! Die Informationsseite des lokalen Verkehrsverbunds ist meine erste Anlaufstelle, wenn ich irgendwohin möchte und noch nicht die genauen Fahrzeiten habe. Und wenn ich meinen Anschluss verpasse oder Leute in der Bahn mit ihren Taschen Sitze besetzen, während andere Leute stehen müssen, bin ich typisch deutsch verstimmt und beschwere mich. Zwar nicht unbedingt beim Fahrpersonal, dafür bin ich dann auch zu höflich, die können ja nicht zwangsläufig etwas dafür, aber zumindest eine SMS an eine Freundin muss sein.

In Togo waren die Bedingungen wohl noch chaotischer. „Ihr seid also mit neun Leuten in einem zwanzig Jahre alten Fünfsitzer ohne Airbag und mit nur zwei funktionierenden Anschnallgurten über diese alte, holprige Straße gerast? Mit hundert Kilometern pro Stunde? Und einen Steinschlag in der Windschutzscheibe hattet ihr auch noch? Gibt es da denn keinen TÜV?“

Den TÜV hätte ich mir noch wegdenken können, aber spätestens bei den neun Leuten und den zwei Sicherheitsgurten wurde mir dann doch etwas mulmig und ich war wirklich froh, in Deutschland zu leben. Die Pünktlichkeit mag eine Marotte sein, aber Sicherheit geht doch vor!

Autor: Janna  |  Rubrik: studium  |  Aug 28, 2013
Autor: Janna
Rubrik: studium
Aug 28, 2013

100 erste Tage an der Uni

Mit dem Kolumbianer allein zu Hause

In Sachen Multikulti habe ich in meiner Zweck-WG ja schon so einiges erlebt. Richtig entspannt ist es aber erst seit etwa anderthalb Wochen. Denn seit Matthias ausgezogen ist, bin ich mit meinem kolumbianischen Mitbewohner alleine, und da ist endlich mal Zeit, um sich ein bisschen besser kennenzulernen – teilweise auch mehr, als mir lieb ist.

Ich weiß nicht genau, was Sebastian beruflich macht, doch sein Job veranlasst ihn, bei 30 Grad aufwärts auch mal im Anzug herumzulaufen und lautstark englische Telefonate zu führen. Im Kontrast dazu springt er ansonsten gerne in nicht mehr als einer Boxershort durch die Wohnung. Das ist auch der Grund, weshalb ich lange Zeit kein Wort mit ihm wechselte. Denn dieser angehende Exhibitionismus war mir doch etwas unheimlich. Inzwischen erscheint er mir aber doch ziemlich sympathisch, was nicht nur daran liegt, dass er mir gestern Abend ein Eis geschenkt hat.

Besonders spannend wurde es aber am vergangenen Wochenende, als der Strom in meinem Zimmer und in Teilen der Küche plötzlich nicht mehr funktionierte. Kein Problem, dachte ich mir, es gibt schließlich Schlimmeres. Doch wenn man dann versucht, am Laptop für die bevorstehenden Klausuren zu lernen, gestaltet sich das Ganze schon etwas komplizierter. Dann gilt es, erfinderisch zu werden. Ich schob also meinen Sessel in die Tür meines Zimmers, um meinen PC benutzen zu können, der im Flur an der Strippe hing. Sebastian amüsierte dieses Bild ungemein. Und mit seiner spanischen Musik, die im Hintergrund lief, kam fast so etwas wie Urlaubsstimmung auf.

In der Zwischenzeit scheint Sebastian übrigens ein gewisses Vertrauen zu mir aufgebaut zu haben. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wieso er mich vor ein paar tagen fragte, ob ich ihm mit der Küchenschere die Haare schneiden könne. Vielleicht war es aber auch nur ein Witz. Denn obwohl er nahezu perfekt Deutsch spricht, scheinen wir uns auf der humorvollen Ebene nicht so ganz zu verstehen. Na ja, vielleicht bekommen wir das ja auch noch hin. Viel Zeit bleibt uns dafür jedoch nicht mehr. Schon bald steht nämlich meine letzte Prüfung an und dann heißt es: I'm coming home, I'm coming home!

Autor: Noelle  |  Rubrik: studium  |  Aug 22, 2013
Autor: Noelle
Rubrik: studium
Aug 22, 2013

100 erste Tage an der Uni

Die Kunst des Prokrastinierens

Ich sitze gerade in der Bibliothek und sollte eigentlich arbeiten, um mir ein bisschen Literaturgrundlage für meine Tristan-und-Isolde-Hausarbeit zuzulegen. Aber irgendwie schaffe ich es doch immer, mich abzulenken. Der Plan sah eigentlich vor, heute extra früher aufzustehen, um noch einen guten Arbeitsplatz zu finden.

Doch bevor es in die Bib ging, hatte ich das dringende Bedürfnis, mein Frühstück nachzuholen, was mit einem Obst-Joghurt-Müsli-Becher im Uni-Café endete und das definitiv länger dauerte als notwendig. Dann musste ich vorher noch unbedingt aufs Klo, meine Kopierkarte aufladen, ein bisschen Morgengymnastik machen. Schade, dass ich hier kein Internet habe, sonst könnte ich auch noch eben gucken, was es bei Facebook Neues gibt oder ob ich womöglich eine furchtbar wichtige Mail bekommen habe.

Drei Seiten des wirklich relativ kurzen Kapitels habe ich bereits durchgelesen, aber jetzt greift wieder die Müdigkeit nach mir. Mein Nagellack sieht echt hässlich aus, und hey, wie wäre es mit noch einer Runde Mine Sweeper?

Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich die miese Arbeitshaltung aus der Schule mit dem Lernmarathon für die Methodenklausur (den ich für die 1,3 wirklich gerne auf mich genommen habe) endlich hinter mir gelassen hätte, aber leider scheint dem nicht so zu sein. Vielleicht lieg meine Unkonzentriertheit ja auch daran, dass ich zu wenig geschlafen habe, dass es regnet, oder daran, dass es in der Bibliothek so still ist. Vielleicht bin ich so demotiviert, weil ich nicht genau weiß, ob ich wirklich das gesamte Kapitel inhaltlich in mein Word-Dokument komprimieren sollte, oder ob nur einzelne Sätze davon wichtig sind. Vielleicht hätte ich mehr trinken oder eine bequemere Hose anziehen sollen, vielleicht hilft es mir, wenn ich jetzt eine kreative Pause mache und einen neuen Blogeintrag schreibe?

Moment, da fällt mir ein – vielleicht wäre es schlauer, erst einmal die beiden Quellen zu suchen, mit denen ich „Tristan und Isolde“ vergleichen will und danach erst die Sekundärliteratur zu durchforsten, um besser nach „unwichtig“ und „wichtig“ für meine Hausarbeit sortieren zu können? Aber vorher knacke ich noch eben schnell meinen Pinball-Highscore.

Autor: Janna  |  Rubrik: studium  |  Aug 19, 2013
Autor: Janna
Rubrik: studium
Aug 19, 2013