interaktiv

100 erste Tage an der Uni

Mit dem Kolumbianer allein zu Hause

Autor:
Noelle

Rubrik:
studium

22.08.2013

In Sachen Multikulti habe ich in meiner Zweck-WG ja schon so einiges erlebt. Richtig entspannt ist es aber erst seit etwa anderthalb Wochen. Denn seit Matthias ausgezogen ist, bin ich mit meinem kolumbianischen Mitbewohner alleine, und da ist endlich mal Zeit, um sich ein bisschen besser kennenzulernen – teilweise auch mehr, als mir lieb ist.

Ich weiß nicht genau, was Sebastian beruflich macht, doch sein Job veranlasst ihn, bei 30 Grad aufwärts auch mal im Anzug herumzulaufen und lautstark englische Telefonate zu führen. Im Kontrast dazu springt er ansonsten gerne in nicht mehr als einer Boxershort durch die Wohnung. Das ist auch der Grund, weshalb ich lange Zeit kein Wort mit ihm wechselte. Denn dieser angehende Exhibitionismus war mir doch etwas unheimlich. Inzwischen erscheint er mir aber doch ziemlich sympathisch, was nicht nur daran liegt, dass er mir gestern Abend ein Eis geschenkt hat.

Besonders spannend wurde es aber am vergangenen Wochenende, als der Strom in meinem Zimmer und in Teilen der Küche plötzlich nicht mehr funktionierte. Kein Problem, dachte ich mir, es gibt schließlich Schlimmeres. Doch wenn man dann versucht, am Laptop für die bevorstehenden Klausuren zu lernen, gestaltet sich das Ganze schon etwas komplizierter. Dann gilt es, erfinderisch zu werden. Ich schob also meinen Sessel in die Tür meines Zimmers, um meinen PC benutzen zu können, der im Flur an der Strippe hing. Sebastian amüsierte dieses Bild ungemein. Und mit seiner spanischen Musik, die im Hintergrund lief, kam fast so etwas wie Urlaubsstimmung auf.

In der Zwischenzeit scheint Sebastian übrigens ein gewisses Vertrauen zu mir aufgebaut zu haben. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, wieso er mich vor ein paar tagen fragte, ob ich ihm mit der Küchenschere die Haare schneiden könne. Vielleicht war es aber auch nur ein Witz. Denn obwohl er nahezu perfekt Deutsch spricht, scheinen wir uns auf der humorvollen Ebene nicht so ganz zu verstehen. Na ja, vielleicht bekommen wir das ja auch noch hin. Viel Zeit bleibt uns dafür jedoch nicht mehr. Schon bald steht nämlich meine letzte Prüfung an und dann heißt es: I'm coming home, I'm coming home!

Diesen Artikel teilen