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100 erste Tage an der Uni

Bürokratiestaat Deutschland (Teil 1)

Autor:
Janna

Rubrik:
studium

28.08.2013

Eigentlich hatte ich noch nie wirklich das Gefühl, dass Deutschland so übertrieben bürokratisch ist, wie immer gerne behauptet wird. Ich meine, okay, für den Führerschein damals brauchte ich eine ganze Menge Unterlagen – vor allem, weil ich mich für das begleitende Fahren entschieden hatte – aber das erschien mir wirklich notwendig. Warum genau man für die Immatrikulation auch noch Versicherungsnachweise braucht, war mir ebenfalls nicht unbedingt klar, aber so übertrieben bürokratisch fand ich das nun auch nicht. In der letzten Zeit habe ich allerdings zunehmend das Gefühl, dass ich hier vielleicht doch in einem Land lebe, das Regelungen viel zu wichtig nimmt und sich mit doppelten Durchschlägen und allerlei notwendigen Unterschriften umgeben möchte.

Es fing ganz harmlos damit an, dass zwei Freundinnen von ihren Auslandsaufenthalten in Argentinien und Togo zurückkamen. Angesichts der fehlenden Buspläne in Argentinien war ich nahezu geschockt: „Aber woher weiß man denn da, wann der Bus kommt?“ – „Das sagen die einem.“ – „Und woher wissen die das?“ – „Die wissen das halt. Außerdem kommt der Bus ja nicht zu festen Zeiten, sondern alle zehn Minuten oder alle halbe Stunde, man muss also nur lange genug warten.“ – „Und was, wenn man einen wichtigen Termin hat, zu dem man pünktlich erscheinen muss?“ – „Janna, es ist Argentinien!“

Nein, ich konnte und wollte das nicht verstehen! Die Informationsseite des lokalen Verkehrsverbunds ist meine erste Anlaufstelle, wenn ich irgendwohin möchte und noch nicht die genauen Fahrzeiten habe. Und wenn ich meinen Anschluss verpasse oder Leute in der Bahn mit ihren Taschen Sitze besetzen, während andere Leute stehen müssen, bin ich typisch deutsch verstimmt und beschwere mich. Zwar nicht unbedingt beim Fahrpersonal, dafür bin ich dann auch zu höflich, die können ja nicht zwangsläufig etwas dafür, aber zumindest eine SMS an eine Freundin muss sein.

In Togo waren die Bedingungen wohl noch chaotischer. „Ihr seid also mit neun Leuten in einem zwanzig Jahre alten Fünfsitzer ohne Airbag und mit nur zwei funktionierenden Anschnallgurten über diese alte, holprige Straße gerast? Mit hundert Kilometern pro Stunde? Und einen Steinschlag in der Windschutzscheibe hattet ihr auch noch? Gibt es da denn keinen TÜV?“

Den TÜV hätte ich mir noch wegdenken können, aber spätestens bei den neun Leuten und den zwei Sicherheitsgurten wurde mir dann doch etwas mulmig und ich war wirklich froh, in Deutschland zu leben. Die Pünktlichkeit mag eine Marotte sein, aber Sicherheit geht doch vor!

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