interaktiv

100 erste Tage an der Uni

Zeit des Vergessens

Autor:
Janna

Rubrik:
studium

19.09.2013

Gut ein Jahr ist es jetzt her, dass ich die Schule hinter mir gelassen habe, bald schon startet mein drittes Semester an der Uni. Und ehrlich gesagt bin ich geschockt darüber, wie viel ich in diesem Jahr vergessen habe.

Beginnen wir mit Chemie. Auf einer Party vor ein paar Wochen trafen mein Freund und ich auf eine ehemalige Stufenkameradin, die mittlerweile Mathe und Chemie auf Lehramt studiert, und uns gerne ein bisschen von ihrem Chemiepraktikum erzählte. Mein Freund fragte ernst nach, was denn eine Oxidation sei – Unterrichtsstoff der Mittelstufe – und ich folgte dem Beispiel meiner ehemaligen Mitschülerin, die lauthals zu lachen anfing, als er spekulierte: „Dabei wird bestimmt Oxid hergestellt“. Ihm sei die Unwissenheit verziehen, er hat Chemie nach der zehnten Klasse abgewählt und seitdem vermutlich keinen Gedanken mehr daran verschwendet. Ich habe ihm allerdings verschwiegen, dass ich selbst auch nicht mehr genau wusste, was eine Oxidation war – und ich hatte Leistungskurs.

Aber nicht nur in Chemie scheine ich einen Großteil meines Schulwissens vergessen zu haben, auch meine Fremdsprachenkenntnisse scheinen langsam nachzulassen. Ich war zwar echt stolz, als ich beim DVD-Abend für eine Freundin Passagen des deutsch-französischen Films übersetzen konnte, aber als ich den französischen Austauschschüler meiner Schwester abholen sollte, ging unsere Unterhaltung kaum über „salut“ und „je suis Janna, la soeur de ta corres“ hinaus.

Andererseits denke ich mir, dass man sich ja nicht alles für immer merken muss. Aus dem Chemieunterricht habe ich beispielsweise mitgenommen, dass man Kalk am besten mit Essig(reiniger) löst, den genauen Kalkkreislauf brauche ich dafür allerdings nicht. Mein gesprochenes Französisch ist vielleicht ein bisschen eingerostet, aber verstehen tu ich dafür noch fast alles.

Und alles habe ich auch nicht unwiderruflich gelöscht: Für meine Schwester bin ich weiterhin Ansprechpartnerin Nummer Eins, wenn es um ihre Mathehausaufgaben geht. Und obwohl ich kleinere Schritte dann nicht mehr genau weiß, versteht sie es bei mir immer noch besser als in der Schule. Mathe verlernt man eben nicht!

Außerdem habe ich im letzten Jahr nicht nur vergessen, sondern vor allem auch viel Neues gelernt. Über mittelhochdeutsche Artusromane, Radiotextsorten, und das richtige Verfahren bei empirischen Erhebungen weiß ich heute deutlich mehr als noch vor zwölf Monaten. Was ich gelernt habe, hilft mir bei dem, was ich später mal arbeiten möchte, bestimmt auch mehr als mein Chemie-Schulwissen.

Diesen Artikel teilen

Diese Webseite verwendet Cookies und das Webanalyse-Tool Matomo. Das hilft uns, dir ein gutes Nutzungserlebnis zu bieten und unsere Website zu verbessern. Wenn du durch die Seiten surfst, erklärst du dich hiermit einverstanden. Hier erfährst du mehr über die Nutzung deiner Daten und Möglichkeiten zum Widerspruch.