interaktiv

100 erste Tage an der Uni

Debattenkultur

Autor:
Katha

Rubrik:
studium

01.12.2015

Langsam kehrt Routine ein. Unter der Woche lebt es sich hervorragend auf Sparflamme – hauptsächlich in Unigebäude und Mensa. Am Wochenende miete ich mich immer noch regelmäßig im Hotel Mama ein. Es ist immer wieder ein gutes Gefühl, am Freitag den letzten fünf Minuten der Physik-Vorlesung den Rücken zu kehren, um den ersten Zug zurück in die Heimat zu erwischen.

Das letzte dieser Wochenenden wurde leider überschattet von den Anschlägen in Paris. Kaum war ich zuhause, gab es fast minütlich neue Eilmeldungen – der Schreck sitzt unverhältnismäßig tief. Verschwörungstheorien über Bombenbau in den Kellern der Universität, bewaffnete Polizisten in den Aachener Straßen und die Omnipräsenz des Themas in ganz normalen Gesprächen bringen das Gefühl, das wohl aktuell in Paris herrschen muss, ein kleines unangenehmes Stück weit auch in meinen Alltag. Unter meinen Kollegen aus dem Freiwilligen Sozialen Jahr, die das letztes Jahr wie ich in Frankreich, teilweise sogar in Paris verbracht haben, herrscht plötzlich eine komische, schockierte, sogar leicht aggressive Stimmung. Die meisten von uns hatten das Gefühl nach den Anschlägen auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ noch gut in Erinnerung, einige waren sogar damals in Paris. Nachdem wir uns versichert hatten, dass es unseren gemeinsamen Bekannten in Paris gut geht, entstand eine unangenehme Stille in der Gruppe, die selbst einige Tage später niemand gebrochen hat. Irgendwie wussten wir alle nicht, was wir uns dazu gegenseitig zu sagen hatten. Ich hatte das Gefühl, dass sich niemand traute, etwas loszuwerden, um gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, etwas Unangemessenes zu sagen. Ich denke, diese Angst kam daher, weil wir wussten, welch persönlichen Bezug einige von uns zu den Anschlägen in Paris hatten.

Mein Freundeskreis in der Heimat ging mit den Ereignissen in Paris viel forscher um. Wir diskutierten weniger über die Aussagen hochrangiger Politiker, sondern sprachen über die Motivation der Anschläge, die Reaktion Frankreichs und verschiedene Optionen, wie mit einer Terrororganisation umzugehen sei. In diesen Gesprächen wurde mir bewusst, wie wertvoll es ist, von einer guten Debattenkultur profitieren zu können. Ich habe dank meiner Eltern und Freunde nicht nur gelernt, mich ganz passabel auszudrücken, sondern konnte immer schon von meinungsbildenden und konstruktiven Diskussionen lernen.

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