interaktiv

100 erste Tage an der Uni

Okno Fenster

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
studium

16.09.2016

Der Professor spricht über die „mannigfaltige Verwendung des Verbes ‚jít‘ (gehen) im Tschechischen“. Ich verstehe nur Bahnhof. Ich gehe zum Bahnhof, du gehst zum Bahnhof.
Der Blick schweift ab und aus dem Fenster.
Vorne links ist das Konservatorium, wo ich einmal bei einem Lichtfestival eine grandiose Installation erlebt habe. Rechts das Rudolfinum. Da saß ich einmal neben dem japanischen Botschafter in einem Konzert. Davor der Jan-Palach-Platz. 1969, nach der Invasion der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag, hatte sich der Student der Philosophischen Fakultät, in deren Reihen ich gerade sitze, selbst verbrannt, um die Bevölkerung wachzurütteln. Ich sehe wieder nach vorne. Links und rechts der Tafel hängen großformatige Schwarzweißfotografien. Jan Palachs Kommilitonen mit Schildern auf denen in Blockbuchstaben „Bildungsstreik!“ und „Wir wollen den Jan-Palach-Platz“ geschrieben steht.
Draußen, am Nebenhaus, wird das Dach repariert. Die vergangenen Tage über habe ich dem Loch dabei zusehen können, wie es kleiner und kleiner wird. Nun setzen die Bauarbeiter die letzten Ziegel ein. Weiter hinten sehe ich auf der Letná-Ebene das überdimensionale Metronom schlagen, das dort anstelle des gigantischen Stalin-Denkmals aufgebaut wurde und nun den Takt der Geschichte schlägt.
Da ist die Brücke hinter dem Dvorák-Denkmal, die über die Moldau mit ihren Tretbooten und Ausflugsdampfern führt. Und dann ergießt sich die Kleinseite in die Hügellandschaft. Die roten Dächer auf den weißen Häusern sind auch von hier drüben zu erkennen. Dahinter erhebt sich stolz die Burg. Gerade weht nicht die tschechische Flagge, sondern eine andere, quadratische, mit der Aufschrift „Recht siegt“. Sie wird immer gehisst, wenn der Präsident in der Stadt ist. Einmal erklomm eine Künstlergruppe das Burgdach und hisste eine rote Unterhose, deren Größe ungefähr eine 37XL war. Politischer Protest á la Tschechien. Von hier drüben hat man sie bestimmt auch wehen sehen können.
Jede einzelne Sekunde, die ich diesen Blick genießen darf, erlebe ich wie eine Stunde. Ich speichere die Bilder in mir ein und hoffe, sie nie wieder zu vergessen.

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