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100 erste Tage an der Uni

Exkursion: Praha - Na Slatinach

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
orientieren

27.10.2016

Es ist ein sommerlicher Wochentag in der tschechischen Hauptstadt. Die Haltestangen im Bus kleben. Junge Frauen tragen kurze T-Shirts von ihren Lieblingsbands („Hostenträger Industry“) oder haben sich den Namen der Band gleich auf den Unterarm tätowiert („Krystof“). Wo geht die Reise hin? In den Süden der Stadt, in die Kolonie „Na Slatinach“, an deren Grenzen zugleich die Stadt endet. Mein Begleiter ist „Praha Neznama“ („Unbekanntes Prag“), ein Buch, dass Petr Ryska jüngst veröffentlicht hat. Es ist ein Buch von einem Prager für Prager, die die versteckten Besonderheiten ihrer Stadt kennenlernen möchten. So mache auch ich mich auf ins Abenteuer.
Die Bilder im Buch machen unheimlich Lust auf einen Spaziergang: bewohnte Zugcontainer, rostige Karossen, wuchernde Hecken. Die Kolonie „Na Slatinach“ wird heute als Gartenanlage bezeichnet. In der Zeit der Ersten Tschechoslowakischen Republik nach 1918 lebten hier arme Menschen in heruntergekommenen Holzhäusern. Und bis heute hat sich im Grunde genommen wenig geändert. Ich komme an einer Polizeistation vorbei. In „Unbekanntes Prag“ lese ich, dass sie hier errichtet wurde, um die Kolonie zu überwachen. Regelmäßig wird hier auch heute noch Streife gefahren. Mit dem Buch in der Hand laufe ich durch die schmalen Gassen. Die Buden, die den Eindruck von Wochenendhäuschen machen, scheinen verlassen. Doch dort hängt frisch gewaschene Wäsche auf der Leine. Und da! Habe ich da nicht gerade ein Kind lachen gehört?
Vereinzelt erblicke ich einige Bewohner. Man beobachtet mich mit Misstrauen. Die Gardinen werden zur Seite geschoben und dahinter hevorgelugt, durch die Zwischenräume im Gartenzaun hindurch werde ich gemustert. Ich fühle mich furchtbar. Ich bin kein Tscheche und selbst wenn ich einer wäre: Was habe ich hier verloren? Diese Menschen wollen hier bestimmt nicht gestört werden.
Die Sonne senkt sich langsam. Ich versuche, schneller zu gehen, nehme Abkürzungen, klappe das Buch mit der Karte zu. Ich will hier nicht mehr sein. Hinter einem Gartenzaun steht ein junger, groß gewachsener Muskelmann neben seiner Oma. Er wiegt einen Baseballschläger in den Händen. Sie bedeutet mir mit einem Kopfschütteln, dass ich hier nichts zu suchen habe. Ich eile weiter. Man blickt mir hinterher. Ich mache, dass ich schnell wieder zur Bushaltestelle zurückkomme.

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