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100 erste Tage an der Uni

Meine erste Demo (Teil 2)

Autor:

Rubrik:
studium

08.12.2008

Nachdem ich den Plattenbau verlassen und mich der Menge wieder angeschlossen hatte, setzte sich der Demonstrationszug mit den nun 2000 bis 2500 Studierenden in Bewegung, im vorderen Drittel der kleine Lkw mit der Bühne. Neben peppiger Musik schallten von dort verschiedene Parolen, die sich mehr oder minder Kreative zum Sächsischen Hochschulgesetz ausgedacht hatten: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut.", „Hu-,Hu-,Humankapital", „Bildung für alle, und zwar umsonst!" Manch ein Spruch auf den Transparenten und Schildern schien mir da zwar nicht so griffig, dafür aber vom Aussagegehalt spannender, so zum Beispiel „Das Hochschulermächtigungsgesetz - freie Wahl nur noch in der Mensa?" oder „Achtung sie verlassen den demokratischen Sektor!" Und passend zur Tagespolitik: „500€ Milliarden für die Banken - 0€ für die Bildung".

Unser Demonstrationszug endete vor dem Sächsischen Landtag, ein sehr unscheinbares Gebäude mit einem gläsernen Anbau - im Sinne einer durchsichtigen Demokratie. Durchsichtig hilft aber natürlich nichts, wenn man auf das, was da sichtbar getan wird, keinen Einfluss ausüben kann.

An der uns zugewandten Seite des Landtags schauten ein paar Leute auf uns herab. Plötzlich ging eine Woge durch die Masse und mit einem Mal war die zum Landtag führende Treppe dicht bepackt mit Studenten. Ein paar Polizisten hielten jene Tollkühnen zurück, die noch weiter vordringen wollten, beziehungsweise fingen sie wieder ein, nachdem sie über die schnell installierte Absperrung gesprungen waren. Wir sollten die Treppe doch bitte wieder frei machen, appellierte ein Kommissar. Er verstehe unser Anliegen, müsse die Demonstration aber abbrechen, wenn wir uns nicht an die Regeln hielten. Nach einigem Zögern räumten die Leute die Treppe. Dass die wenigen Polizisten, die die Demonstration begleiteten, imstande gewesen wären, ihre Drohung wahr zu machen, bezweifelten jedoch einige. Von einer Bühne aus konnten die Demo-Teilnehmer ihre Forderungen kund tun. Dann war es auch vorbei und alle gingen ihrer Wege.

Studierende mit Transparenten stehen vor dem sächsischen Landtag, in der Abenddämmerung.Foto: Privat

Im Großen und Ganzen muss ich sagen, war die Demonstration sehr unradikal und nur selten - oder vielleicht gar nicht - kam dieses Gefühl auf, das ich mir von einer Massenbewegung erwartet hatte. Ein Gefühl, das ich zuletzt bei der Fußball-WM 2006 gespürt hatte. Das lag vielleicht daran, dass das Gesetz, um das es ging, nicht von existentieller Bedeutung zu sein scheint. Viele Kommilitonen scheinen mir schon im ersten Semester sehr auf Leistung und Erfolg bedacht, weniger idealistisch, mehr pragmatisch.

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