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Zug fahren

Autor:
Lee-Ceshia

Rubrik:
ausbildung

28.09.2018

Es hat schon eine gewisse Eleganz, dass ich einen Artikel übers Zug fahren beim Zugfahren schreibe, oder? Die Sonne verschwindet langsam am Horizont und hinterlässt einen dunkelorangen Himmel. Der Himmel wird mit jedem Kilometer dunkler und ich bewundere die kleinen erhellten Fenster im vorbeiziehenden Tal. Die internen Lichter spiegeln sich in der Scheibe, die Schlüsselkratzer werden sichtbar, genauso wie die Fingerabdrücke und der Kussmund am Fensterglas. Plötzlich schiebt mein Vordermann seine Rückenlehne ein Stück zu weit nach hinten und meinen Laptop vom kleinen Tischchen herunter. Gerade so kralle ich mich noch mit der linken Hand am CD-Laufwerk fest. Mein Nachbar blickt mich derweil abfällig an, weil er gerade gelesen hat, dass ich mich in diesem Beitrag über sein lautes Schmatzen beschwere. Nun macht er den Mund beim Kauen zu – danke!

Aber das ist Zug fahren. Und ich mag es irgendwie. Man kommt sich ja doch körperlich näher, als einem lieb ist, aber emotional kommt man auf seine Kosten.
Ich weiß von jedem meiner Mitfahrer, welche Musik er gerne hört. Außerdem kenne ich jetzt das Ende von Game of Thrones und ich brauche leider auch keine Krimis mehr lesen, denn es ist fast immer der Gärtner. Und ja, ich rieche auch vom anderen Wagon aus, dass du Zwiebelmettbrötchen magst.

Aber das ist okay, solange ich Menschen beobachten kann. Mit Sätzen wie „Vergessen Sie Ihre Flasche nicht“ und „Ihr Koffer rollt davon“, revanchiere ich mich. Ich kenne und meistere alle Herausforderungen: zu hoch eingestellte Klimaanlage, keine Klimaanlage, kein Bord Bistro, besoffene Menschen, fünf oder gleich 80 Minuten Verspätung, defekte Toiletten, freundliche und unhöfliche Schaffner. Wer liebt es nicht, das Zugfahren? Ich muss jetzt übrigens Aussteigen und hoffen, dass mein Gleis nicht verlegt wurde...

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