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Geschichte und Philosophie

Hausarbeit und Unmensch

Autor:

Rubrik:
studium

08.04.2010

Schrecklich, diese Blicke meines Dozenten, als ich ihm erzählte, dass ich mit der Hausarbeit nicht bis zum 31. März fertig werden würde. Als ob dadurch eine Welt zusammen bräche. Das war für ihn vielleicht auch der Fall. Hatte er anscheinend gedacht, dass ich in den zwei Monaten seit Vorlesungsende nichts anderes zu tun hätte, als die eine Hausarbeit zu schreiben. Nein, ganz so schlimm ist es sicherlich nicht. Aber seine harten Worte, was ich ihm für eine Hiobsbotschaft brächte und dass mir das bei einer Bewerbung das Genick bräche, verletzten mich.

Nun, am Dienstag nach Ostern solle ich ihm etwas abliefern. Ich hatte also nach dem Gespräch am Gründonnerstag noch den Nachmittag, um mir Literatur zusammen zu suchen und dann von Karfreitag bis Ostermontag Zeit, um eine Hausarbeit zu verfassen. Ich bin trotzdem zu meinen Eltern gefahren, eben mit zwei Beuteln voller Bücher. Von Ostern und dem Wetter habe ich die Tage nicht viel mitbekommen. Das Lernen und Lesen hat mir Freude bereitet – immer dann, wenn ich das Ticken der Uhr vergaß und den rinnenden Sand nicht sah.

Heute wollte ich mich eigentlich mit einem Freund zum Mittagessen in der Mensa treffen, aber mir war von dem enormen Druck, den ich heute empfand, so warm, dass ich unmöglich etwas hätte essen können. Ich musste ihm absagen. So steckte ich gestern früh schon bei der Zugfahrt die Nase in die Bücher und ackerte bis drei Uhr nachts – natürlich war ich dann schon längst wieder zuhause in Leipzig angekommen. Dann schlief ich sechs Stunden und arbeitete heute von elf bis 17 Uhr durchgehend im Foyer der Bibliothek daran, diese Arbeit abzuschließen. Dann musste sie noch gedruckt werden, gebunden und meinem Dozenten – ich war ganz überrascht, ihn persönlich anzutreffen – in die Hand gedrückt werden.

Morgen gehe ich die tausend Dinge an, die ich die letzten Tage komplett ausgeblendet habe. Insgesamt beeindruckt es mich sehr, was man da in ein paar Tagen zusammen schustern kann und wie sehr ich vieles verdrängte und vergaß. Ich vermied es, die Leute um mich herum anzuschauen, hatte ich doch tausend Gedanken im Kopf, die ich nicht verlieren wollte. Immer wieder musste ich in die Ferne starren. Bloß nichts betrachten oder auf etwas konzentrieren – außer auf meine Gedanken. Auch half es mir, abends ein Bier zu trinken, um mich zu beruhigen. Das gleiche habe ich vorhin getan. Deshalb gehe ich auch gleich schlafen.

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