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Geschichte und Philosophie

WG-Rauswurf

Autor:

Rubrik:
studium

23.06.2010

Meine beiden Mitbewohnerinnen wollen mich rausschmeißen. Sie können mich nicht mehr ertragen. Vor einem Jahr, als ich auf WG-Suche war, hatten sie mir noch eine „Liebe“ auf den ersten Blick gestanden und kaum, dass ich ihnen einen ersten Kennenlernbesuch abgestattet hatte, mir in einer Kurznachricht auf dem Handy mitgeteilt, ich sei als ihr neuer Mitbewohner herzlich willkommen. Aber für sie habe ich mich inzwischen als ein anderer entpuppt, den sie damals kennen gelernt haben.

Gestern Abend kam es zum Showdown: Sie hatten mich gebeten, am Abend da zu sein. In einem Gespräch bei feinem grünem Tee hörte ich, dass es zu einer unhaltbaren Situation gekommen sei. Und dann zählten sie alles auf, was sie so stört – dass ich im Flur zwei Bilder von E.L. Kirchner aus einem Kalender aufgehängt habe, ohne sie zu fragen, dass ich meinen heißen Tee am Morgen geräuschvoll schlürfe, dass ich mein im Zimmer gebautes Mountainbike einmal gegen die Garderobe im Flur gelehnt habe, dass ich einen Ratatouilletopf mit dem Finger säuberte und ähnliche Trivialitäten. Ich musste an ein Kabarett denken, in dem es darum ging, dass einer seinen Mitbewohner vor die Tür setzte, weil dieser an einem Morgen die Zahnpasta des anderen benutzt hatte.

In Robert Walsers Geschwister Tanner von 1907 freut sich der junge Protagonist Simon über die Entlassung bei einer großen Schweizer Bank, da sie ihn davor bewahrt, ein kleiner Biedermann zu werden. So sehe ich auch meinen Rauswurf. Die Biederkeit meiner Mitbewohnerinnen war mir schon vorher aufgefallen und zu viele Kompromisse war ich ihretwegen schon eingegangen. Simon sagte schließlich zu dem Bankchef: „Ich bin recht froh, dass es ein Ende hat. Glaubt man vielleicht, dass man mir damit einen Schlag versetzt, dass man meinen Mut knickt, mich vernichtet, oder dergleichen? Im Gegenteil, man erhebt mich, man schmeichelt mir damit, man flößt mir wieder, nach so langer Zeit, einen Tropfen Hoffnung ein…Ich betrage mich mit Vorliebe unter meinen Mitmenschen mit Anstand, bin gern fleißig und gehorche, wo es mein Herz nicht verletzt, mit Leidenschaft. Ich würde mich auch bestimmten Gesetzen unterwerfen, wenn es darauf ankäme, aber es kommt hier seit einiger Zeit nicht mehr darauf an…Ich danke Ihnen, dass Sie die Energie besitzen, mich zu entlassen und bitte Sie, von mir zu denken, wie es Ihnen beliebt.“

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