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Studentenleben live

Bibliothekenchaos

Autor:
Rose

Rubrik:
studium

20.08.2012

Das heiligste aller Institute (zumindest in den Buchwissenschaften) ist die Bibliothek, auch Seminar genannt, was etwas verwirrend ist, weil auch manche Kurse Seminar heißen und auch die Gemeinschaft aller, die ein Fach studieren oder dort arbeiten. Aber aus dem Zusammenhang ist meist klar, was gemeint ist. Die Bibliothek ist in der Regel ein gut besuchter Ort, an dem die Stille und das emsige Lernen sofort eine Atmosphäre von Demut und schlechtem Gewissen hervorrufen. Demut vor den meterlangen Regalen voller Bücher, die man zum großen Teil wahrscheinlich nicht versteht. Ein schlechtes Gewissen, weil man selbst noch hier rumsteht, anstatt sich auch schleunigst ans Werk zu machen.

Gestern habe ich mir mal wieder vorgenommen, etwas zu arbeiten. Mein Weg führte mich hierzu in drei fremde Bibliotheken. Die erste war die der Theologie. Ungefähr dreimal so groß wie die der klassischen Philologie, erstreckt sie sich über ein halbes Stockwerk. Drinnen hängen große Ölgemälde von wichtigen Menschen. Das Buch, das ich suchte, war aber leider nicht dort, sondern in der christlichen Archäologie. Dafür musste ich vom dritten Stock noch eine kleine Wendeltreppe hinaufsteigen (da das Gebäude aus den 60er- oder 70er-Jahren stammt, kam leider kein „Dornröschenfeeling“ auf), die ich vorher noch nie gesehen hatte. Leider hat diese Abteilung den gesamten August geschlossen. Schade. Und ich dachte schon, unsere Bibliotheksöffnungszeiten wären schlecht (Montag bis Freitag von acht bis 22 Uhr). Es half nichts, ich musste noch weiter, in die Bibliothek der Alten Geschichte.

Dort, so stand es im Online-Katalog, könne man das Buch auf Nachfrage ansehen. Als ich die HiWis nach dem Buch fragte, wurde mir gesagt, dass ich auf keinen Fall etwas daraus kopieren und es erst recht nicht ausleihen dürfe. Gespannt wartete ich auf den Schatz, der so empfindlich ist, dass er den Kopierer vielleicht nicht überleben würde. Wie enttäuscht war ich, als der HiWi mit einem kleinen gebundenen Büchlein zurückkam, das circa 20 Jahre alt war. Und warum darf man jetzt daraus nichts kopieren? Ganz einfach: Es handelt sich um den Nachlass eines ehemaligen Professors, der das testamentarisch so verfügt hat. Wahrscheinlich wollte er Generationen von Studis ärgern und so immer präsent bleiben. Immortalitas quasi. Im Endeffekt fand ich das Buch nicht einmal brauchbar. Aber ich hatte mal die Bibliotheken unserer Nachbardisziplinen kennengelernt. Und erkannt, dass einen auch bereits verstorbene Menschen ärgern können.

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