interaktiv

Studentenleben live

SMS — Wir kommunizieren uns zu Tode

Autor:

Rubrik:
studium

07.12.2012

Vor ein paar Tagen las ich in der Zeitung, dass die Deutschen im vergangenen Jahr 58 Milliarden SMS verschickten. Auf der ganzen Welt waren es 7,8 Billionen waren. Dabei sind das noch nicht einmal alle verschickten Nachrichten, über verschiedene Apps verschicken wir inzwischen täglich zusätzlich zehn Millionen Nachrichten. Die erste SMS wurde vor genau 20 Jahren, Anfang Dezember 1992 verschickt, wurde aber erst populär, als auf der Handytastatur zu den Zahlen auch das Alphabet kam. Das viele SMS schreiben brachte so manchem einen schmerzenden „SMS-Daumen“ oder auch die „Quervain-Krankheit“ ein – eine Sehnenscheidentzündung. Die Not zur Kürze und unsere Schreibfaulheit haben uns erfinderisch gemacht und uns auf lauter neue Abkürzungen gebracht. Und um die Worte etwas aufzupeppen fügen wir Emoticons hinzu.

Ich meine aber, dass bei dieser Form der Kommunikation oft das Wesentliche auf der Strecke bleibt: das Gesicht und die Stimme, die Gestik und die Berührung – und damit das, was die nährende Substanz unseres Austauschs ist. Kann mich einer, wenn ich todtraurig bin, per SMS trösten? Kann er mir die Hand auf die Schulter legen, kann er mich in den Arm nehmen? Kann mir jemand gewissenhaft eine traurige Nachricht beibringen? Wir sind doch eigentlich, wenn wir mit einem Gegenüber reden, halbe Schauspieler – kann ich mit einer SMS schauspielern? Das Repertoire von etwa 20 verschiedenen Emoticons kann nicht einmal im Ansatz die tausend Variationen meiner über 50 Gesichtsmuskeln widerspiegeln. Keinen echten Mensch gegenüber zu haben, enthemmt uns aber auch. Wir können Dinge sagen, die wir uns sonst nicht trauen würden – aber eher zerstörerisch – können Beziehungen beenden, grob beleidigen... Aber wagen wir auch mehr? – etwa jemandem zu schreiben: „Ich liebe dich!“ – ich glaube nicht. Natürlich ist es praktisch, wenn ich einem Freund schreiben kann: „Der Zug ist eine halbe Stunde verspätet.“ Falls er mich am Bahnhof abholen will, kann er später von zu Hause aufbrechen oder sich zumindest noch in ein warmes Café setzen.

Auch wenn wir uns nur nüchterne Informationen mitteilen und nicht versuchen, den anderen etwa fröhlich zu stimmen, kommen diese Informationen immer wieder in unpassenden Momenten und bringen mich aus dem Konzept. Es ist, wie wenn jemand an meiner Zimmertür dreimal laut anklopft und dann einen Zettel unten durchschiebt. Ich weiß nun, dass er mir was sagen will und kann entweder versuchen den Zettel zu ignorieren oder ich unterbreche mich in dem, was ich gerade eigentlich tue und lese die Nachricht, die vielleicht gar nicht so dringlich ist. Nein, eigentlich ist es noch schlimmer. Es ist, wie wenn – egal wo ich gerade bin – ein Bote auf mich zukommt und sagt: „Ich habe eine Nachricht für dich.“ und folgt mir dann auf Schritt und Tritt und geht erst weg, wenn ich ihm das Ding abgenommen habe, wobei er erst richtig weg geht, wenn ich ihm noch eine Antwort mitgegeben habe.

Diesen Artikel teilen

Diese Webseite verwendet Cookies und das Webanalyse-Tool Matomo. Das hilft uns, dir ein gutes Nutzungserlebnis zu bieten und unsere Website zu verbessern. Wenn du durch die Seiten surfst, erklärst du dich hiermit einverstanden. Hier erfährst du mehr über die Nutzung deiner Daten und Möglichkeiten zum Widerspruch.