interaktiv

Studentenleben live

"Die Mensa ist ein Murks!"

Autor:

Rubrik:
studium

13.03.2013

Achtzig Jahre ist er alt und er kommt immer noch zu uns in die Mensa. Als Professor für Chemie ist er 1990 emeritiert. Hier trifft er sich noch mit ein paar Kollegen zum gemeinsamen Mittagessen. Schon manche interessante Geschichte hat er mir erzählt, etwa, wie es war, als man ihm nach dem Abitur vorschreiben wollte Tiermedizin zu studieren, weil es hieß, in fünf Jahren würde für irgendeinen Bezirk ein neuer Tierarzt benötigt – Planwirtschaft eben. Nur mit Mühe und Not konnte er diesem Zwang entrinnen und etwas anderes studieren, was das Komitee auch für nützlich hielt.

Heute traf ich ihn im Innenhof des Campus‘ und wir kamen auf die neue Architektur des immer noch nicht ganz fertig gestellten Uni-Gebäudes zu sprechen. „Diese Mensa ist ein Murks!“ meinte er – eine große Halle, so laut, wie ein Großbahnhof, der Raum teilweise acht Meter hoch und alles nur glatte, harte Oberflächen, die jeden Schall nicht schlucken, sondern nur reflektieren würden. Wenn irgendwo ein Stuhl gerückt wird, hört es jeder im Raum so gut, als ob es direkt neben ihm geschähe. Da er nicht nur Chemie gelehrt hat, sondern auch Ingenieur war und zu Akustik geforscht hat, traue ich ihm eine kompetente Meinung zu.

Aber auch die Organisation der Bewegungsströme sei eine Katastrophe, meint er. Hinter den sechs Kassen wird der Weg hin zu den Tischen nicht breiter, sondern sehr eng. Das Essen auf dem Tablett balancierend prallen wir mit denen zusammen, die schon gegessen haben und nun ihre Tabletts abgeben und zum Ausgang strömen. Passend grinst mich von einem der Informations-Bildschirme eine Studentin an, Messer und Gabel angriffsbereit in den Händen, dazu der Text: „Wir wollen auch noch essen!“ – Wer fertig gegessen hat, soll doch bitte gleich seinen Platz räumen.

Früher habe es noch Garderoben gegeben – ob Mantel oder Jacke, die muss man heute irgendwie über den Stuhl hängen und darauf hoffen, dass sie nicht runterfallen. Deshalb gehe ich auch nur noch bei gutem Wetter und zu den Nebenzeiten in die Mensa, dann fühle ich mich nicht wie in der Massentierhaltung und kann auf der ruhigen Terrasse essen.

Diesen Artikel teilen