interaktiv

Studentenleben live

Spontaneität und Kultur

Autor:
Hannah

Rubrik:
studium

13.05.2013

Gestern war wieder einer dieser Spontanaktion-Abende. Seit dem Studium bin ich das wirklich gewohnt – Anrufe um 23.30 Uhr, ob ich noch Lust auf feiern in der Stadt habe und die Bahn um 00.03 Uhr bekomme oder SMS, ob man mich nicht in fünf Minuten zu einem Spieleabend abholen könnte, sind schon längst keine Seltenheit mehr. Und obwohl es echt eine Herausforderung ist, sich noch einmal aufzuraffen, wenn man gerade in gemütlicher Jogginghose vor dem Fernseher hängt, mental schon mit dem Tag abgeschlossen und sich mit dem Gedanken angefreundet hatte, nur noch zum Zähneputzen das Bett zu verlassen, bin ich in den meisten Fällen für solche Aktionen zu haben.

So war es auch gestern, als meine Mitbewohnerin um viertel vor acht mit den Worten „Wusstest du eigentlich schon, dass wir heute 'nen WG-Abend machen?“ in mein Zimmer kam und mir vom abendlichen Programm an unserer Hochschule erzählte. „In einer Viertelstunde geht’s los mit Powerpoint-Karaoke, kommst du mit?“ Nachdem sie mir erklärte, was es damit genau auf sich hatte, war meine Entscheidung schnell gefallen. Es geht hier nämlich keineswegs um einen Karaoke-Abend oder Ähnliches, es ist vielmehr... sagen wir, eine Art Freestyle-Slam. Die Teilnehmer bekommen ihnen unbekannte Powerpoint-Präsentationen und müssen möglichst authentisch und unterhaltsam einen Vortrag dazu halten. Klang auf jeden Fall wesentlich attraktiver als meine Mathe-Übungen, mit denen ich gerade beschäftigt war.

Also, zehn Euro in die Tasche gesteckt, provisorische Frisur, ein bisschen Schminke in das allabendliche Ich-bin-fertig-mit-der-Welt-Gesicht – auf geht’s. Als ich an der Kasse mein Wechselgeld und den Stempel bekomme, will ich erst fragen, was ich mit dem Spielgeld soll, bis mir auffällt, dass wir ja neue Fünf-Euro-Scheine haben (Ich finde sie nach eingehender Betrachtung sogar schöner als die alten, aber ein bisschen was von Spielgeld haben sie tatsächlich!). Wir suchen uns einen Platz im recht leeren Hörsaal und warten darauf, dass es los geht. Geht es aber zunächst nicht wirklich. „Wir haben bisher leider nur drei Teilnehmer, wer von Ihnen würde sich denn noch bereit erklären, spontan teilzunehmen? Sie bekommen auch Ihren Eintritt zurück und zwei Freigetränke.“ So eine Begrüßung wünscht man sich doch... Kollektives Auf-den-Boden-Starren, um nicht einzeln herausgepickt zu werden. Ich fühle mich ein bisschen an die Schulzeit erinnert und bin erleichtert, dass sich zeitnah zwei Mädels finden, die sich gegen zwei Gläser Weißwein auf der Bühne präsentieren wollen.

... und ab da wurde nur noch gelacht. Mein Deutsch-Dozent hielt uns einen Vortrag darüber, wie unsicher doch der Lehrerberuf sei und dass wir lieber in das Berufsfeld des Schlachters übergehen sollten – Blutmassaker hätten wir ja schon zu Genüge mit unseren Textmarkern geprobt – und pries auch die Karriere des Steuerhinterziehers als Option an; ein anderer Dozent erklärte uns, wie Chip-Implantate intravenös upgedatet werden können und warnte vor gefährlichen Hacker-Eingriffen am Oberarm; eine Kommilitonin klärte uns über Sexualstörungen und Spermatorrhoe auf, ohne überhaupt eine Ahnung davon zu haben, wie man das Wort ausspricht; der Sieger des Wettbewerbs hielt eine Präsentation über inszenierte Fotografie, erklärte uns den Eiffelturm als ein zur Sonne strebendes Phallus-Symbol und zeigte uns immer wieder Einblicke in sein Familienleben („Ups, da ist ja ein Foto von meinem Sohn, ein Schnappschuss beim Hausbrand!“).

Vermutlich ist mehr als die Hälfte davon Situationskomik und nacherzählt nicht mal halb so witzig, aber ich hatte einen schönen Abend und werde in Zukunft sicher häufiger das Kulturprogramm im Literatur-Café meiner Hochschule checken.

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