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Studentenleben live

200 Kilometer zur Vorlesung

Autor:

Rubrik:
studium

20.06.2013

Seit Anfang dieses Semesters fahre ich jeden Montag von Leipzig nach Berlin zu einer Vorlesung. An der Universität der Künste in Berlin lehrt ein Professor für Kulturphilosophie. Was er zu sagen hat, begeistert mich so sehr, dass ich die Mühen nicht scheue, für 90 bis 100 Minuten Vorlesung mindestens zwei, bis dreimal so lange unterwegs zu sein. Was er zu sagen hat, kann man nicht irgendwo nachlesen. Er bezieht sich auf ganz aktuelle Dinge, die in unserer Gesellschaft passieren. Man könnte meinen, er liest aus den Manuskripten zu seinen Büchern. Doch seine Ideen sind scheinbar noch nicht druckreif und in der Vorlesung macht er sich Gedanken über seine Gedanken – das nenne ich richtiges Philosophieren.

Er philosophiert über Google Glass (ein Miniaturcomputer, der wie eine Brille getragen wird), verschiedene Facebook-Anwendung, über die RTL-Sendung „Die Geissens“, über Bestseller wie „Shades of Grey“, über die Selbstausbeutung der „kreativen Klasse“, über die Piratenpartei und viele andere Dinge unserer alltäglichen Massen- und Medienkultur, mit der auch jemand, der Platon, Kant und Wittgenstein nicht gelesen hat, etwas anfangen kann.

Manche werfen ihm vor, zu vage und unkonkret zu sein. Doch er verteidigt sich. Gerade der Philosoph als Erkunder von unbekanntem Terrain muss wagemutig und spekulativ im Denken sein, um Neuland zu betreten. Er beansprucht, nicht die Wahrheit gefunden zu haben, aber er traut sich, Dinge zu sagen und Fragen zu stellen, die nicht unbedingt politisch korrekt sind – etwa: „Sitzt Gott nun in den Überwachungskameras?“

Auf der Hinfahrt im Zug oder im Fernbus oder mit einer Mitfahrgelegenheit lese ich dann noch einmal die Mitschriften zur vorherigen Vorlesung und auf der Rückfahrt noch einmal die neuen Notizen. Hier wird Philosophie zum Erlebnis.

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