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Studentenleben live

Herr Professorin

Autor:

Rubrik:
studium

01.08.2013

Wie es zur Entscheidung meiner Uni hier in Leipzig kam, in der Grundordnung nicht mehr von Professor und Professorin zu reden, sondern nur noch von Professorinnen, darüber haben wir in den vergangenen Wochen viel spekuliert. Müssen wir jetzt auch unsere Professoren, wie der Spiegel es schrieb mit „Herr Professorin“ ansprechen? Die Geschichte geht vielleicht so: Nach einer langen, trüben und unfruchtbaren Sitzung schlug einer der Senatoren, in der Hoffnung das Ganze etwas zu beleben, etwas sarkastisch vor, man könne doch dem ganzen Streit um Binnen-i, Unterstrich und Sternchen ein Ende bereiten, indem man einfach vollständig auf die weibliche Form umsattele.

Das sollte vielleicht nicht viel mehr als ein Witz sein, doch den anderen mangelte es wohl an Humor. Sie dachten, da trete ein ganz moralischer Mann auf die Bühne und schlage vor, das Jahrhunderte währende Unrecht der männlichen Rede endlich dadurch gut zu machen, indem man die Unterdrückten endlich auch mal Unterdrücker werden ließe. So etwa wie beim römischen Saturnalienfest, wo auch mal die Sklaven Herren spielen durften. Aber kann man eine Ungerechtigkeit durch eine neue Ungerechtigkeit wieder gutmachen?

Milan Kundera, Autor von „Die unendliche Leichtigkeit des Seins“, sprach in einem anderen Roman vom „moralischen Judo“ – wenn einer in der Öffentlichkeit sich scheinbar besonders moralisch verhält, fordert es die anderen Anwesenden heraus, es ihm nicht nur gleich zu tun, sondern ihn gar zu überbieten, den Schlag zu parieren. Der Vorschlag des Senators war jedoch kaum zu überbieten und so konnten die anderen nicht viel mehr tun als ihm wenigstens zuzustimmen. Wahrscheinlich war dieser Senator dann selber überrascht, wie ernst man seinen Vorschlag nahm.

Dabei vergessen jene, die den Pronomen so viel Gewicht beimessen, dass Genus und Sexus nicht dasselbe sind. Der Weizen und die Gerste erscheinen doch völlig willkürliche Setzungen zu sein. Und solche Berufsbezeichnungen bezeichnen eigentlich auch nur das Amt, das man inne hat. Früher trat die Person hinter dem Amt deutlich zurück. Vielleicht ist das heute anders und wir sehen Person und Amt immer mehr als Einheit oder betrachten gar Amt und Beruf als zweitrangig.

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