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Studentenleben live

Karriere in Europa?

Autor:
Inga

Rubrik:
studium

11.12.2013

Die Europäische Union ist für Dolmetscher, was der Olymp für den Gott Zeus, der Mount Everest für Reinhold Messner, die Bibel für den Papst ist. Außerdem ist sie die Illusion einer steilen Karriere. Europa – das ist der Markt für Übersetzer; ohne Übersetzer und Dolmetscher würde in der Europäischen Union nichts funktionieren. Das erklärte Ziel für jeden Masterabsolventen muss die deutsche Kabine in Straßburg sein. Schon im ersten Semester wird der kleine Ersti darauf gedrillt. Vor fast drei Jahren hatte ich das erste Mal, wenn auch nur kurz, mit dem Sprachendienst der Europäischen Union zu tun. Auf einer Sprachenmesse in Berlin stellten sie sich vor, hatten eine Dolmetschkabine bereitgestellt. Otto Normalverbraucher konnte sich darin im Simultandolmetschen versuchen. Natürlich war ich Feuer und Flamme. Mich packte das Dolmetschfieber und ich begann zu träumen: Kabine, Europa, Dolmetschen. Das war meins.
Drei Jahre später hängt mir die EU zum Hals heraus, ohne dass ich jemals in Straßburg war. Dolmetschen für Europa wird propagiert. Es wird viel mehr Werbung gemacht als für die wenigen Stellen überhaupt notwendig wäre. Schon im Bachelor wird angefangen, sich gegenseitig zu zerfleischen, sich auszustechen, besser zu sein als der andere. Die Inhalte des Studiums treten in der Hintergrund, die Karriere in den Vordergrund. Im Seminar geht es nicht um Übersetzungsstrategien, es wird nicht diskutiert, sprachlich herumgefeilt, um noch einen Hauch Perfektion in die Übersetzung zu bringen. Es geht nur um die Note, nicht um das Ergebnis eines Übersetzungsprozesses, sondern um das Ergebnis eines Notenkampfs. Und das im Bachelor! Ich sollte mich besser von der EU, die für mich ein Symbol für karriereverrückte, über Leichen gehende Studenten ist, verabschieden.

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