interaktiv

Studentenleben live

Die kleinen Dinge

Autor:
Janna

Rubrik:
studium

25.12.2015

Manchmal gibt es Tage, an denen ich merke, dass das eigene Leben doch sehr wohlbehütet ist, und dass es vielleicht manchmal doch einen tieferen Sinn gibt, in dem etwas passiert. So ein Tag war neulich: Nach der Analysis-Vorlesung saß ich mit ein paar Freunden noch im Vorraum des Hörsaals, um die Übungsblätter zu erledigen. Es war nach acht Uhr, als wir schließlich im Regen bei unseren Fahrrädern standen und überlegten, ob wir noch zusammen bei einem von uns den Abend ausklingen lassen sollten. Aber kam es nicht. Während wir zusammen standen, kam nämlich eine Frau um die Ecke, die mitten auf dem Weg plötzlich zusammenbrach und nicht mehr alleine aufstehen konnte.

Sie hatte wohl etwas getrunken, dazu Medikamente genommen und seit einiger Zeit schon nichts mehr gegessen, weswegen wir den Krankenwagen riefen und ihr Spekulatius – das einzige Essen, das wir dabei hatten – gaben. Zwei Krankenpfleger nahmen sie mit in den Wagen, untersuchten sie, während wir sicherheitshalber abwarteten und uns im Regen stehend fragten, wie es dazu kommt, dass jemand das Haus verlässt und eine ziemlich weite Strecke allein hinter sich bringen will, obwohl es ihm nicht gut geht.

Die Frau wollte nicht mit dem Krankenwagen mitfahren, die Krankenpfleger sagten uns auf Nachfrage, man könne sie nicht dazu zwingen mitzufahren. Wir waren unsicher, ob die Frau es schaffen würde und folgten ihr daher erst einmal, nur um zu sehen, dass sie ein paar hundert Meter weiter erneut zusammenbrach. Der Notarzt wollte kein zweites Mal kommen, darum riefen wir der Frau ein Taxi, das sie nach Hause bringen sollte und warteten mit ihr, bis das Taxi kam.

Letztendlich war ich erst nach zehn Uhr zu Hause und bis ich mich nicht mehr wie ein Eisklumpen fühlte, dauerte es eine Kanne Früchtetee und eine heiße Dusche. Trotzdem hatte ich irgendwie das Gefühl, dass ich an dem Abend viel mitgenommen habe. Zum Einen glaube ich, dass alles einen Sinn haben muss: es war purer Zufall, dass wir um diese Uhrzeit noch am Hörsaal standen. Sonst hätte die Frau vermutlich stundenlang in der Kälte und Nässe gelegen, weil an dieser Ecke nicht besonders viel Verkehr herrscht. Zum anderen bin ich sehr froh darüber, wie gut es mir geht. Ich muss keine Medikamente nehmen, habe genug zu essen und weiß, dass ich Menschen habe, die ich anrufen kann, wenn irgendetwas passiert ist, sodass ich im Fall der Fälle nicht darauf hoffen muss, dass gerade Passanten in der Nähe sind, die sich um mich kümmern. Gleichzeitig hat die Dankbarkeit der Frau mich ziemlich berührt und ich glaube, wir haben an dem Abend wirklich etwas Gutes getan.

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