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Studentenleben live

Praktikum im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald

Autor:
Bille

Rubrik:
studium

22.04.2016

Ungefähr 20 Minuten dauert die Busfahrt vom Stadtzentrum Weimar zur Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald. 20 Minuten, um von der schnuckligen Kulturstadt an den Ort zu gelangen, wo vor rund 80 Jahren über 56.000 Menschen ihr Leben lassen mussten. Welcher junge Mensch möchte freiwillig ganze zwei Monate lang fünf Tage die Woche an so einem Ort arbeiten? Nun, ich wollte das. Und zwar im Rahmen meines freiwilligen Praktikums für das Geschichtsstudium an der Uni Leipzig.

Ich muss jedoch gestehen, dass ich mir vor dem ersten Praktikumstag immer wieder die Frage stellte: Warum genau machst du das? Die meisten deiner Freunde verbringen den Sommer im Urlaub oder schreiben ihre liegengelassenen Hausarbeiten. Und ich wollte die Monate August und September an einem Ort verbringen, wo unvorstellbares Grauen geschah.

Als ich an meinem ersten Tag aus dem Bus stieg, empfing mich traumhaft schönes Wetter. Irgendwie unpassend, dachte ich mir. Als ich die Mitarbeiter kennenlernte, traf mich die nächste Überraschung. Alle waren gut gelaunt und lächelten mich höflich an. Schönes Wetter und fröhliche Menschen. Widersprüchlicher zu meinen Erwartungen hätte mein erster Eindruck vom ehemaligen Konzentrationslager wirklich nicht sein können.

Da ich mein Praktikum in der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte verbringen sollte, kam ich hier mit Menschen in Verbindung, die tagtäglich Menschengruppen von den vergangenen Schreckenstaten berichteten. Kann man bei so einer Beschäftigung überhaupt fröhlich sein? Sollten die Leute nicht den ganzen Tag mit trauriger Miene herumlaufen? Nein, müssen sie nicht. Denn, wie ich jetzt weiß, geht es nicht darum, die Besucher mit den schrecklichen Untaten der Vergangenheit zu schockieren und sie mit erhobenem Zeigefinger zu Recht und Ordnung zu ermahnen. Hier ist vor allem Empathie wichtig. Bei den vielen Besuchergruppen, die ich begleiten durfte, war keine Gruppe wie die andere und alle hatten unterschiedliche Fragen, Voreinstellungen und Erwartungen an ihren Aufenthalt in der Gedenkstätte. Da waren auf der einen Seite Schüler aus einer zwölften Klasse, die eine Präsentation für die Schule vorbereiten mussten und viele fachliche Fragen hatten. Auf der anderen Seite kamen Angehörige ehemaliger Häftlinge in die Gedenkstätte, die sich die persönlichen Unterlagen ihrer Verwandten anschauen oder die Orte besuchen wollten, wo ihre Verwandte festgehalten wurde. Alle diese Begegnungen haben mich nachhaltig beeindruckt. Letztendlich bereue ich es nicht, meinen Sommer für dieses Praktikum verwendet zu haben.

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