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Studentenleben live

Eine ohne alles

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
studium

20.01.2017

Es gibt Städte mit Fastfoodrestaurants, Trdelník-Buden, Supermärkten und Mensen. Und es gibt Leipzig und seine Würstchenbuden. Vermutlich sind es ebenjene Würstchenbuden, die Leipzig zu Leipzig machen. Schon seit meinen Kindheitstagen komme ich in ihren Genuss. Nach den ausgedehnten Einkaufstouren mit meinen Eltern in der nahegelegenen Metropole wäre daheim oftmals keine Zeit mehr fürs Kochen gewesen – die Thüringer Rostbratwurst lieferte den ehrenwerten Ersatz.
In der Innenstadt stehen die Buden zuhauf: am Bahnhofsvorplatz, vor den Kaufhäusern, am Neuen Rathaus, an der Uniklinik und am Straßenbahnhof Angerbrücke. Wo waren sie wohl früher überall verteilt? Meist handelt es sich um einen einfachen Grill mit einer Plexiglasscheibe – zum Schutz der Kunden vor Fettspritzern – und einer Regenschirmapparatur obenauf. Manchmal gibt es anbei noch ein Tischchen mit den vom vielen Herausquetschen schon verformten roten Ketchup- und gelben Senfflaschen auf einer feuerwehrroten Plastetischdecke. Neben den Rostbratwürsten im pappigen Brötchen zum unfassbar niedrigen Preis wird die Standardauswahl alkoholfreier Getränke feilgeboten. Es kann ein Wintertag sein mit Temperaturen gen Null – die Männer an den Würstchenbuden machen ihren Job; mit Mütze, ohne Handschuhe. Der Grill ist in Männerhand, junge Burschen und Rentner – das hat sich seit meiner Kindheit nicht geändert. Hier eine Frau anzutreffen, wäre wohl ähnlich überraschend wie beim Dönermann.
Die Würstchenbude bleibt ein Leipziger Unikum. Sie ist ein Schritt dahin, Leipzig endlich lieben zu lernen und ich bin mir sicher, bei Leipzigbesuchen noch in 50 Jahren in die Wurst zu beißen und eine große Portion Erinnerung zu schmecken. „Hallo. Eine ohne alles bitte. Danke. Schönen Tag noch.“

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