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Bachelor live

Auszeitz

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
studium

17.03.2017

Jüngst brachte mich die S-Bahn Mitteldeutschland in 38 Minuten gen Süden über die Sächsisch-Sachsen-Anhaltische Grenze nach Zeitz. Was mich in dem kleinen Ort erwartete, war überraschend.
Zeitz scheint eines der vielen Beispiele für die aktuellen Entwicklungen in Sachsen-Anhalt zu sein. Mitunter fühlte ich mich wie in einer Geisterstadt. Aus verschiedenen Epochen finden sich noch Beschriftungen an den zusehends einstürzenden Häusern: hier Hinweise auf Generationen alte Handwerksbetriebe, da noch ein Schild einer waschechten Konsum-Filiale und dort findet sich noch immer das blau-weiße Logo der vor Jahren Pleite gegangenen Drogerie-Kette Schlecker. In den Ladenstraßen der Innenstadt steht jedes zweite Geschäft leer. Die einzige Möglichkeit, etwas zu essen zu bekommen, stellt ein einzelnes Wirtshaus am Markt dar. Der Bäcker, der Dönerladen – geschlossen. Es war kaum eine Menschenseele unterwegs.
In krassem Kontrast zur Zeitzer Innenstadt stand die Schlossanlage Moritzburg. Hier wurde investiert, das sieht man. Wir besuchten das Deutsche Kinderwagenmuseum im Schloss. Man schien froh zu sein, an diesem Nachmittag mit uns immerhin noch zwei Besucher zu haben. In Zeitz werden schon seit Hunderten von Jahren Kinderwagen gebaut. Neben den Produkten der Schokoladenfirma Zetti mit ihren Knusperflocken sind es wohl die erfolgreichsten Exportprodukte der Stadt. Mittlerweile heißt die Firma ZEKIWA (die einfallsreiche Abkürzung steht für „Zeitzer Kinderwagen“) und produziert im Ausland. Im Kinderwagenmuseum gibt es einiges über die Entwicklung der Gefährte zu erfahren und auch einige skurrile Objekte zu bestaunen. Und da wir die einzigen Besucher waren, wurden uns die Federungsmechanismen gleich direkt vom Personal vorgeführt und erklärt.
Nach diesem Besuch in Zeitz musste ich mich fragen: Was ist da los mit meiner Heimat Sachsen-Anhalt? Was läuft schief in dieser Stadt? Wieso bröckelt überall der Putz? Wie kann man historische Bausubstanz so verfallen lassen? Und wo sind all die Menschen? Könnte Zeitz nicht auch eine ideale Vor- und Pendlerstadt von Leipzig sein? Es bleiben die Fragezeichen.

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