interaktiv

Bachelor live

Theatermaschine

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
studium

27.06.2017

Jüngst machte das Festival „Theatermaschine“ der Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaften das sonst so verschlafene Städtchen Gießen unsicher. Alljährlich werden hier auf den Bühnen des Instituts und in der Stadt verteilt Performances und Theaterstücke gezeigt. Darüber hinaus gibt es Musik, Kritikgespräche, Tanz, bildende Kunst, gemeinsames Essen oder Installationen. An allen Festivaltagen hat rund um die Uhr das Festivalzentrum geöffnet. Am Abend wird gefeiert, in den Morgenstunden aufgeräumt.
Das „Nachtstück“ begeistert mich besonders. Von Mitternacht bis acht Uhr morgens sind auf der Bühne neun Feldbetten aufgestellt. Jeder kann auf ihnen Platz nehmen. Menschen betten sich, schlafen ein, wälzen sich, geben den Versuch auf, auf einer Bühne zu schlafen, und setzen sich wieder in das stets wechselnde Publikum. Das wird selbst Teil dessen, was dort auf der Bühne passiert, denn auch der Zuschauer wird immer müder, bis er sich am Ende vielleicht selbst auf ein freies Bett legt. Das warme Licht wechselt, beleuchtet einzelne Orte im Raum. Ein Scheinwerfer summt ein wenig, die Menschen geben ab und an einen Laut von sich, einige Köpfe sind von Smartphonebildschirmen erleuchtet, andere staunen über das, was hier passiert. Jemand auf der Bühne schnarcht leise, ein anderer dreht sich um. Das ist spannend, das ist Theater.
Im Raum des Kunstvereins gibt es währenddessen Begehungen einer Installation. Lose hingeworfenen Dias, ein Bett, das senkrecht an der Wand steht, die obligatorische Bohrmaschine, Textschnipsel, die verstreut im Raum herumliegen und parallel aus den Boxen ertönen. „Meine Frau wird sich ärgern, dass ich wieder so lange weg war“, sagt ein älterer Herr auf dem Heimweg aus der Stammkneipe, der sein Fahrrad bereits schiebt und Anekdoten aus Jahrzehnten einer Ehe erzählt. Der Künstler hört ihm und allen anderen zu, beobachtet das Geschehen, raucht seine Selbstgedrehte, trinkt sein Bier ...
Die Theatermaschine in Gießen, sie dreht sich, rattert laut und stößt ihre Wolken bis weit über die Stadtgrenzen hinaus. Bis nächstes Jahr!

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