interaktiv

Bachelor live

Vienna calling II

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
studium

25.08.2017

In einem Baisl, also einer Kneipe, im Wiener Stadtteil Favoriten begehe ich meinen 22. Geburtstag. Die Kellnerin ist Polin, an der Bar sitzen ein älterer Herr, Gesicht vom Alkohol zerfressen, und ein jüngerer Ex-BWL-Student, der mit seinem Smartphone hier ist. Man spricht Deutsch, Tschechisch, Polnisch und natürlich Wienerisch. Die Kellnerin führt meinen tschechischen Kumpel und mich in die Grundlagen des Wienerischen ein, erklärt den Unterschied zwischen Pfiff, Seidel und Krügel, also den verschiedenen Bierglasgrößen. Es entspinnt sich eine Diskussion über das beste Eis der Stadt und man wird sich am Ende doch einig, dass „der Tichy" am Reumannplatz die Krone der Eiskunst ist. Dort, wo die Eis-Marillenknödel erfunden wurden und im Sommer die Menschen bis spät abends Schlange stehen. „Das Haselnusseis müsst ihr probieren“, sagt der junge Ex-BWL-Student.
Als nächstes lotst mich mein „Stadtführer für junge Reisende" ins „Kaffee Alt Wien“. 1922 wurde es eröffnet und bis heute verkehren hier Künstler, Schriftsteller und Journalisten. Ich kehre am frühen Nachmittag ein, das Alt Wien ist noch relativ leer. Die wenigen Gäste schwanken zwischen Kaffee, Pfeife, Krügel (halber Liter Bier) und Tschig (österreichisch für Zigarette) – der Familienbetrieb liegt einfach irgendwo zwischen Kaffehaus und Baisl. Der Gulasch ist die Spezialität des Hauses und überzeugt tatsächlich vollauf.
An den Wänden hängen unzählige Plakate von Ausstellungen, Konzerten, Festivals. Einige Veranstaltungen sind ganz aktuell, andere seit drei Wochen vorbei, seit drei Monaten, seit zehn Jahren. Durch das zweiflügelige Fenster zu meiner Rechten bricht das Tageslicht auf die mickrige Pflanze in einem pinkfarbenen Blumentopf herein, die Bänke mit rotem Samtbezug, die Kaffeehausstühle aus gewundenem Holz. Es fährt ein Fiaker (eine Kutsche) vorbei. Ab und an blickt ein Tourist herein, entscheidet sich dann aber dagegen, einzukehren. Man schreibt am Rechner oder in ein Buch. Oder am Rechner an einem Buch? Der alte Kellner trägt weißes Hemd und weinrote Schürze, es ziemt sich, ihn mit „Herr Ober“ anzureden. An der Bar ist reger Betrieb. Die Herren kennen sich. Alle dreiviertel Stunde kommt jemand dazu oder jemand geht. Man unterhält sich und diskutiert. Wien würde zu touristisch werden, meinen sie. Der Naschmarkt, der Rathausplatz – alles nur noch auf die Urlauber ausgelegt. Ich zahle und gehe hinaus in die Sommerhitze. „Vienna calling“, sang Falco. „Ein ewiges nebliges Hoch auf die Bohème“, singt der Singer-Songwriter Nino aus Wien – und ich glaube, er meint damit seine Stadt.

Diesen Artikel teilen

Diese Webseite verwendet Cookies und das Webanalyse-Tool Matomo. Das hilft uns, dir ein gutes Nutzungserlebnis zu bieten und unsere Website zu verbessern. Wenn du durch die Seiten surfst, erklärst du dich hiermit einverstanden. Hier erfährst du mehr über die Nutzung deiner Daten und Möglichkeiten zum Widerspruch.