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Bachelor live

Alte Knochen, moderne Fabriken: Kutná Hora

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
studium

22.09.2017

Eine Zugstunde von Prag entfernt liegt das Örtchen Kutná Hora (Kuttenberg). Für mich war es auch bei meinem zweiten Besuch der 20.000-Einwohner-Stadt eine wahre Freude, über das mittelalterliche Pflaster zu wandern und mich in den engen Gassen zu verlaufen.
In Kutná Hora ist man auf die Ausflügler aus Prag gut eingestellt, am Bahnhof ertönen die relevanten Ansagen auf Tschechisch und auch Englisch. Magnet für die Besucherscharen ist vor allem das Beinhaus, ein Kirchenraum vollgepackt mit menschlichen Überresten. Es gibt adelige Wappen aus Knochen, Knochenkronleuchter und nicht zu vergessen die vier großen Schädelberge. Die Überreste stammen vor allem von Pestopfern und Gefallenen aus den Hussitenkriegen. Aber noch bizarrer als all die Knochen an den Wänden, sind die Lebendigen, die mit ihren Fotoapparaten alles festhalten und mit den Selfiesticks posieren. Und auch ich komme nicht darum herum, einige Aufnahmen zu schießen, brauche ich doch noch Bildmaterial für meinen Reiseführer.
Ein weiteres Highlight Kutná Horas ist der Dom mit seinem äußerst sehenswerten Gewölbe und dem Vorplatz, von dem man einen ausgezeichneten Blick über die Stadt genießt. Ein Besuch in dieser Stadt ist eine einzige Zeitreise ins Mittelalter.
Doch auch hier ist das 21. Jahrhundert längst angekommen. Das viertgrößte tschechische Unternehmen hat hier seinen Sitz: Foxconn CZ, der tschechische Ableger des asiatischen Apple-Zulieferers. Und in der Stadt erzählt man mir, wie regelmäßig die Arbeiter in der Tabakfabrik von Philip Morris Schachteln klauen, bevor sie registriert werden, um sie zu verkaufen.
Als ich die Stadt verlassen will, spricht mich vor dem Bahnhof ein netter, älterer Herr in neon-orange-farbener Arbeitskleidung an: „Du hast aber einen schönen Koffer“, meint er und zeigt auf meinen metallenen Reisebegleiter. Er stellt sich mir vor. Vor ein paar Wochen ist er aus dem Gefängnis gekommen. Ursprünglich aus dem Nachbardorf, fegt er nun die Straßen hier in Kutná Hora. Er bittet mich um ein paar Kronen. Die bekommt er und einen lieben Handschlag, ehe ich in den Zug steige und wieder zurück gen Hauptstadt fahre.

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