interaktiv

Freiwilligendiesnt im Ausland

Zwischen den Fronten

Autor:
Inga

Rubrik:
orientieren

10.03.2011

Nichtsahnend schlenderte ich durch die letzte Reihe. Plötzlich bemerkte ich eine hastige Bewegung neben mir. Ich schaute auf die entsprechende Bank und sah Jana, wie sie hastig ihre vollgekritzelte Handinnenseite mit einem Tintenkiller bearbeitete. Sie bekam einen roten Kopf und schaute angstvoll zu mir hoch. Die Sache war glasklar, selten hatte sich jemand so doof beim Spicken angestellt. Der Schüler in mir regte sich, brüllte aus vollem Halse „unfair!“ und ärgerte sich, dass er nicht petzen durfte. Ich schaute sie böse an und ging weiter.

Doch dann fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Wieso verpetzen?! Ich war hier die Lehrerin! Von verpetzen konnte gar keine Rede sein, ich war dafür verantwortlich, dass die Schüler nicht täuschten, schließlich war ich als Aufsicht berufen worden! Ich schaute zurück auf die arme Schülerin, welche knallroten Kopfes wahrscheinlich gerade ein Stoßgebet nach dem anderen in den Himmel schickte. Wieder schlenderte ich an ihrer Bank vorbei, blickte auf ihren Test.

Er war grottenschlecht, offenbar hatte das Spicken nicht geholfen. Ich war hin und her gerissen, stand zwischen den Fronten. Es war meine Pflicht als Lehrerin den Täuschungsversuch mitzuteilen. Ich wusste, dass sie eine sechs bekommen und ihre Eltern informiert werden würden.  Vor dieser Situation hatte es mir lange gegraut. Mein Blick wanderte zwischen Lehrer und Schüler hin und her. Längst war der Beweis auf ihrer Hand vernichtet. Ich beschloss es bleiben zu lassen. Ihr knallrotes Gesicht und ihre angstvollen Augen verrieten mir, dass sie so bald nicht wieder spicken würde. Der Schüler in mir gewann.

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