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Freiwilligendienst im Ausland

Zwischenbericht

Nachdem mir diese Woche aufgefallen ist, dass die Mitfreiwilligen aus meinem Örtchen schon längst alle einen Zwischenbericht an ihre Organisation schicken mussten, bin ich zunächst heilfroh, dass meine Organisation das Ganze etwas entspannter sieht und einfach anruft, wenn sie wissen will wie es mir geht. Trotzdem verleitet das allgemeine Fazit-Geziehe dazu, selbst mal die Frage nach einer Zwischenbilanz zu stellen.

Leider sieht diese auf den ersten Blick ungemütlich ernüchternd aus. Während meine Mitfreiwillige das Klischee lebt – mit tränenreichem Abschied zu Hause, einer eher depressiven Eingewöhnungsphase, einer aus den gemeisterten Herausforderungen resultierenden umso größeren persönlichen Entwicklung und letztendlich mit dem glücklichen Gefühl, mit dem Auslandsaufenthalt die beste Entscheidung des Lebens getroffen zu haben – weiß ich noch nicht einmal, ob mein bisheriges Fazit positiv oder negativ ausfällt.

Grundsätzlich fühle ich mich wohl hier: die Arbeit gefällt mir, mit dem Mädchen, das mir per Zufallsgenerator für ein Jahr vor die Nase gesetzt worden ist, komme ich ganz gut klar und durch den Umstand, im Kloster zu leben, mache ich eine überraschend positive und vor allem nicht alltägliche Erfahrung. Darüber hinaus lerne ich die französische Sprache und Kultur kennen, habe endlich Zeit, mit dem Gitarrenspiel anzufangen und mir noch ein paar nicht unwichtige Gedanken in Sachen Lebensplanung zu machen. Auf der anderen Seite weiß ich nicht, ob das alles rechtfertigt, quasi ein Jahr „nichts“ und vor allem praktisch ohne gleichaltriges soziales Umfeld zu leben.

Was mich aber wirklich wunderbar positiv überrascht, ist, wie gut mich die Organisation vorbereitet hat und bis jetzt begleitet. Und das ist etwas, was ich bei der bisherigen Betrachtung völlig außer Acht gelassen habe. Mit dieser Erkenntnis fällt es mir wesentlich leichter, meinen Frieden mit dem vorläufigen Fazit zu schließen. Denn auch wenn ich keine offensichtlich größeren Herausforderungen zu meistern hatte, habe ich doch wahnsinnig viel gelernt.

Autor: Katha  |  Rubrik: orientieren  |  Jun 18, 2015
Autor: Katha
Rubrik: orientieren
Jun 18, 2015

Freiwilligendienst im Ausland

Flugzeugabsturz im Gemeinschaftssaal

Auslöser für eine annähernd so absurde Geschichte wie letzte Woche war heute eine Reportage über den Flugzeugabsturz über den französischen Alpen vor etwa drei Monaten.

Eine Reportage, der ich anfangs relativ wenig Beachtung schenke, schließlich ist man erst kürzlich fast ausschließlich mit diesem Thema konfrontiert worden und kennt gefühlt jede Aufzeichnungen des Flugschreibers. Dieses Empfinden teile ich aber offenbar nur mit mir alleine, stelle ich fest. Man bedenke, dass die meisten anwesenden alten Damen sich schon nicht merken konnten, was es zum Mittag gab. Wie sollen sie dann verstehen, dass es sich bei dieser Reportage lediglich um eine Aufarbeitung der Geschehnisse von vor drei Monaten handelt?

Als Resultat ist die Allgemeinheit also wieder genauso betroffen wie noch im März. Etwas weniger vielleicht – die Berichterstattung ist nicht ganz so dramatisch aufbereitet. Trotzdem habe ich all Mühe damit, einer Oma auszureden, unbedingt und sofort zum Flughafen zu wollen. Auf die vorsichtige Frage, was sie denn da wolle, erwidert sie eher angsteinflößend als erklärend: „Mein Bruder ist gestorben, finden Sie das gut!?“ Ich versuche zu ergründen, warum genau ihr Bruder am Flughafen gestorben sein sollte. Als könnte sie Gedanken lesen, kommt sie mir allerdings zuvor und erklärt: „Mein Bruder war in dem Flugzeug“. Damit bleiben mir zwei Möglichkeiten. Zum einen kann ich versuchen ihr zu erklären, dass sich der Absturz vor längerer Zeit ereignet hat, ihr Bruder nicht in dem Flugzeug saß, und dieses schon gar nicht direkt am Flughafen abgestürzt ist ... oder ich behelfe mir mit einer kleinen Notlüge. „Madame, alles ist gut, wir konnten Ihren Bruder erreichen, er ist nicht abgestürzt“, höre ich mich da auch schon intuitiv sagen. Einen Moment später bin ich froh, dass ich mich nicht in langwierige Erklärungen verstrickt habe. Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen.

Aber nur kurz. Denn inzwischen kenne ich meine lieben Alten. Und deshalb weiß ich auch ziemlich genau, wer die Wahrheit versteht und nur kurz an die Realität erinnert werden muss – und wer andererseits manchmal in seiner eigenen Welt unterwegs ist. In diesem Fall kann man wohl nur versuchen, die Situation in dieser dem Menschen eigenen Welt zu lösen.

Autor: Katha  |  Rubrik: orientieren  |  Jun 15, 2015
Autor: Katha
Rubrik: orientieren
Jun 15, 2015

Freiwilligendienst im Ausland

In meinem Keller liegt ne Leiche ...

„… wie werde ich sie los / hat da jemand einen Plan?“ Dieser Song von SDP und Sido spukt mir oft im Kopf herum und lässt mich oft tagelang nicht los. Seit einer Woche erscheint mir der Weg vom Song zur Realität gar nicht mehr so weit: Etwas zu optimistisch spaziere ich morgens um viertel vor sieben zum Joggen aus dem Haus. Die typische Motivationsmusik auf den Ohren mache ich zwei schwungvolle Schritte in die klare Luft hinaus. Auf der anderen Seite der ins Schloss fallenden Tür bemerke ich meine etwas zu voreilige Zuversicht – Schlüssel vergessen. Zu spät. Die Tür ist zu. Egal, denke ich, ich bin eh zu spät dran. Wenn ich mit der Runde fertig bin, müsste schon jemand am Empfang sitzen. Eine gute halbe Stunde später stelle ich ernüchtert fest, dass ich mit dieser Einschätzung falsch lag. In dem Moment ist aber auch das nicht weiter tragisch, strahlt die Sonne doch mit einer für die Jahreszeit ungewöhnlichen Kraft vom Himmel. Ich setze mich also auf die Stufen vor dem Eingang und warte. Langsam beschleicht mich das Gefühl, dass der vor der Kreuzung etwas unentschlossen herumeiernde Mercedesfahrer beim nächstbesten Passanten seine Hilflosigkeit zum Ausdruck bringen wird. Als mir klar wird, dass der nächstbeste Passant ich bin, lässt der schon etwas angegraute Mann bereits sein Fenster herunter.

„Guten Tag. Wissen sie, ob die Krankenpfleger schon da sind?“ Natürlich sind hier schon Pfleger da. Das ist ein Altenheim. Da werden die Leute nicht ihrem Schicksal überlassen, nur weil es Nacht ist, denke ich. Mein offenbar verständnisloser Blick lässt ihn noch hinzufügen: „Ich brauche einen Krankenpfleger. Ich weiß nicht, was ich machen soll!“ Beruhigend versichere ich ihm, dass ich jemanden rufen kann, was ich auch sofort tue. Kurze Zeit später steht der auch schon in der Tür.

Als der Mann dann sein Problem darlegt, bekomme ich leider nur die Hälfte mit, weil ich größtenteils damit beschäftigt bin, mich zu fragen, ob ich das Ganze gerade tatsächlich richtig verstehe. Der Mann erzählt, er hätte zu Hause eine tote Verwandte und wüsste jetzt nicht so ganz genau, was man da machen sollte. So makaber diese Geschichte auch klingt, der Mann wirkte gefasst und nicht verzweifelt. Er war einfach nur ratlos. Der Pfleger alarmierte einen Arzt und der Mann trat beruhigt seinen Rückweg an.

Autor: Katha  |  Rubrik: orientieren  |  Jun 5, 2015
Autor: Katha
Rubrik: orientieren
Jun 5, 2015