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Freiwilligendienst im Ausland

Klostermentalität

Autor:
Katha

Rubrik:
orientieren

29.06.2015

Angesichts des ersten Sommermonats, dem meist relativ milden Wetter hier in der Rheinebene und dazu passenden Temperaturen freue ich mich, Jacke und lange Hose endlich im Schrank lassen zu können. Bei 30 Grad im Schatten und einem Zimmer unter dem Dach stellt sich die Frage, ob lange oder kurze Hose eigentlich überhaupt nicht. Wenn man nicht gerade in einem Kloster wohnt, das noch aus einer Zeit stammt, in der es Frauen nicht einmal zugestanden war, überhaupt Hosen anzuziehen. Auch heute tragen selbst die alten, bereits „verrenteten“ Schwestern meist einen schwarzen, überknielangen Rock, dazu Strumpfhose und Nonnenhaube.

Da ich ja auch irgendwie zu dieser Klostergemeinde gehöre, bin ich mir also nicht ganz sicher, ob die Oberschwester die gewagte Kombination aus Hotpants und ausgeschnittenem Top billigt, geschweige denn einen modernen kurzen Jumpsuit überhaupt als Kleidungsstück anerkennt.

Aber, wie so oft in diesem Orden, überrascht mich besagte Nonne auch diesmal mit ihrer weltoffenen modernen Mentalität. Als ich sie morgens in Jumpsuit auf dem Gang treffe, zuppelt sie mir kurz neugierig an den luftigen Trägern herum, sodass beinahe der halbe BH sichtbar wird, fängt an zu grinsen und ruft mir im Weitereilen noch „Na, Ihnen ist aber echt immer warm!“ zu und verschwindet ganz unspektakulär um die nächste Ecke.

Inzwischen werde ich schon ganz irritiert gefragt, wo denn meine kurze Hose hin ist, wenn ich dann doch mal knöchellang trage.

Tatsächlich habe ich erst einmal wirklich gemerkt, dass ich es mit sehr gottesfürchtigen Menschen zu tun habe, die teilweise noch an alten Wertvorstellungen hängen, die nicht mehr so recht in diese Zeit passen wollen. Als ich vor einiger Zeit ganz unbedarft fragte, ob ich den Schlüssel für das leerstehende Zimmer auf meiner Etage habe könnte, weil mein Freund über das Wochenende gerne vorbeikommen würde, erhielt ich ein Nein als Antwort. Männer würden grundsätzlich nicht in diesem Gebäudeflügel übernachten, weil sich Männlein und Weiblein dann ja im Nachtgewand auf dem Flur begegnen könnten. Und das wäre im Kloster unangemessen und ist deshalb zu vermeiden.

Seitdem habe ich so eine Erfahrung mit den Nonnen aber nie wieder gemacht. Im Gegenteil – die Schwestern überraschen mich mit ihrer herzlichen und – besonders der Jugend gegenüber (!) – neugierigen Art fast jede Woche aufs Neue.

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