interaktiv

Freiwilligendienst im Ausland

Alltag?

Autor:
Katha

Rubrik:
orientieren

03.07.2015

Am Arbeitsplatz Altenheim erlebt man ständig skurrile Situationen. Man bekommt alle fünf Minuten die gleiche Frage gestellt, wird als völlig verrückt abgestempelt, weil man bei 25 Grad Celsius ohne Jacke durch die Gänge rennt, und hat quasi permanent Verständigungsprobleme, die nicht von der Sprachbarriere herrühren, sondern schlicht durch Schwerhörigkeit und funktionsunfähige Hörgeräte zu begründen sind.

Einiges übersteigt dann aber selbst diesen „normalen“ Alltag. Vor zwei Tagen etwa macht sich eine Seniorin – wie alle 15 Minuten üblich – mit ihrem Rolli auf den Weg zur Toilette. Es empfiehlt sich, ihr auf dieser Strecke nicht im Weg zu stehen. Denn obwohl sie gut mit ihrem Rollstuhl umzugehen weiß und auch grundsätzlich nach der Rückkehr perfekt rückwärts auf ihrem Lieblingsplatz einparkt, scheint sie einen akuten Demenzanfall zu kriegen, sobald ihr jemand die Fahrbahn blockiert. Augenscheinlich ist es also zunächst das Pech einer ebenfalls betagten Dame, dass sie gerade jetzt vor der Toilettentür steht. Denn erwartungsgemäß verliert die Seniorin im Rollstuhl auch heute plötzlich die Kontrolle über ihr Transportmittel und fährt die andere Dame an.

Womit sowohl ich als auch die Rollstuhlfahrerin allerdings nicht gerechnet haben, ist die – sagen wir „sportliche“ – Reaktion der angefahrenen alten Dame. Mit einer vermeintlich viel zu schnellen Bewegung für ihre 92 Jahre langt sie der Rollstuhlfahrerin treffsicher mitten ins Gesicht, um im selben Moment ein erschreckend lautes Gezeter von sich zu geben, in das die andere Seniorin gleich einfällt. Bevor ich mich aus meiner starren Verwunderung in Bewegung setzten kann, kommt glücklicherweise schon ein Pfleger um die Ecke gehechtet, der die beiden Streithennen auseinanderschiebt. Immerhin... es ist nichts passiert und nach einigen Schocksekunden treffen sich unsere Blicke und wir sehen, dass wir beide das Lachen unterdrücken müssen.

Darüber hinaus werden die kleinen aber wunderschönen Ereignisse, die man bewusst erlebt, mit der Zeit immer mehr. Wie beispielsweise ein plötzliches Lächeln, von jemandem, bei dem man die dafür vorgesehene Muskulatur schon für gänzlich zurückgebildet gehalten hatte. Oder die unbändige Freude einer alten Dame über ein Baby, das mit seiner Mutter dessen Großmutter bei uns besucht.

Solche Momente der Freude beobachten zu können, macht aus der Arbeit im Altenheim etwas sehr Besonderes. Und auch wenn alle immer meinen, diese Arbeit wäre belastender als andere, empfinde ich das überhaupt nicht so. Natürlich hat man mit alten Menschen zu tun, die zum größten Teil krank, teils behindert, verwirrt, dement oder alles zugleich sind. Selbstverständlich sterben auch einige dieser Menschen. Damit lernt man aber umzugehen. Was das alles andererseits nicht nur aufwiegt, sondern zweifellos auch zu einer positiven und wertvollen Erfahrung macht, sind die Momente, in denen man von diesen verwirrten, alten und kranken Menschen lernt. Denn am Ende findet man sich in einer bescheidenen und oft wunderbar dankbaren Welt wieder.

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