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Mein Freiwilliges Jahr

Was assoziierst du mit dem Wort "verschwinden"?

Autor:
Anni

Rubrik:
orientieren

25.06.2013

Ich hätte bis vor kurzem zuerst an Gegenstände gedacht: an einen einzelnen Ohrring ohne sein passendes Gegenstück, an Handschuhe, Mützen und Schals, die in der U-Bahn liegen geblieben sind; an ein Buch, das fragt: „Wo ist das Land der verschwundenen Dinge?“ Seit ich in Mexiko bin, denke ich jedoch zu allererst an Menschen. Menschen, die von heute auf morgen nicht mehr auftauchen und deren Familienangehörige verzweifelt bei den Behörden von Tür zu Tür gehen und meist abgewiesen werden. Sie starten schließlich oft ihre eigene Suche.

Der heute veröffentlichte Report von Amnesty Mexiko erzählt die Geschichte dieser Familien und die Probleme, mit denen sie alltäglich kämpfen müssen. Bei der Veranstaltung zur Veröffentlichung sprachen einige von ihnen: Brenda machte den Anfang. Gehüllt in ein rotes Seidenkleid, die schwarzen Haare locker hinter den Schultern, erfüllte ihre Wut und Trauer den Saal, als sie von dem Schicksal ihres jüngeren Bruders sprach: seiner Unschuld, seinen Träumen; ihrer Suche nach ihm, Schmähschriften, Drohbriefen.

Anschließend sprach Lucía. Ihr Sohn verschwand vor zwei Jahren auf dem Weg nach Monterrey. Sie bittet eindrücklich um Erleichterung von der Qual und der tiefen Ungewissheit über seinen Verbleib. Gegen Ende ihres Beitrages rief ein Gast aus dem Publikum laut und wütend in die Veranstaltung hinein: „Lebend haben sie sie uns genommen, lebend wollen wir sie wiederhaben!“

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