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Mein freiwilliges Jahr

Blind

Autor:
Thilo

Rubrik:
orientieren

20.11.2014

„Hauke? Hauke?!“ Er hat mich allein gelassen, blind und orientierungslos, wie ich bin. Wo bin ich? Wo soll ich hin? Überall Stimmen, Laute, Geräusche, von Autos, Bussen, Menschen, von Vögeln, Katzen und Hunden. Ich fühle mich einsam.

Angefangen hat dieser Wahnsinn vor einer Stunde, als wir im FSJ-Seminar die Augenmasken anlegten, die uns das Augenlicht nahmen. Wir sollten nachfühlen, wie es blinden Menschen in unserer Gesellschaft geht. Mit einem Unterschied: Jeder bekam einen Partner zugeteilt. Besser: Wir bekamen einen Betreuer, einen Aufpasser, einen Beschützer, einen Ersetzer des genommenen Augenlichts. Ich tat meine ersten drei Schritte als Blinder, schon wich jeglicher Sinn für Orientierung. Ständig hatte ich Angst, gegen einen Gegenstand zu stoßen, zu fallen oder verlassen zu werden. Ich fühlte mich so ungeschützt, ja, beinahe nackt. Die Stimmen der anderen waren so fern und fremd, dass ich nicht eine erkannte.

Ich wurde irgendwohin geführt. Mir wurde gesagt, alles sei gut, ich brauche mich nicht fürchten. Es wird auf mich aufgepasst? Kann ich also nichts mehr alleine? Brauche ich Aufsicht wie ein kleines Kind? Selbstständig war ich jedenfalls nicht mehr.

Ich werde traurig bei dem Gedanken, dass es genug Menschen gibt, bei denen das Sehvermögen nicht einfach durch das Ablegen der Augenbinde zurückkehrt, wo das Erblinden nicht reversibel ist.

Als Hilfsbedürftiger fühlt man sich schlecht, weil man Selbstständigkeit gewohnt ist und sich nicht in eine Abhängigkeit begeben will. Außerdem beginnt man zu denken, man sei eine Last. Als Betreuer übernimmt man eine enorme Verantwortung. Man muss jede Sekunde aufpassen. Ich habe erkannt, wie wichtig es ist, dass es Menschen gibt, die anderen helfen, sie unterstützen, ihnen zusprechen und ihnen Sicherheit geben.

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