interaktiv

Mein Freiwilliges Jahr

Die Geschichten holen mich an

Autor:
Thilo

Rubrik:
orientieren

31.12.2014

Mein FSJ ist manchmal ziemlich zermürbend. Ich arbeite im Schichtdienst, schlafe deswegen zu wenig und bin zwischendurch einfach nur kaputt. Besonders getroffen hat mich aber der Tod einer Patientin. Dass sie sterben wird, war bereits am Tag zuvor zu erahnen gewesen. Sie atmete nur noch sehr flach, war kraftlos, ihre Knöchel und Füße wurden blau, ihre Hände ebenso, im Gesicht zeichnete sich ein violettes Dreieck ab, das nichts Gutes verheißen sollte. Sie wollte nun endlich von dieser Welt gehen, sagte sie in den Wochen zuvor immer wieder, biss sich aber stets durch. Bis es nun so weit war: Sie war alt, sie war bereit – und doch traf es uns alle auf der Station sehr hart.

Seit Wochen lag sie bei uns, wurde von uns gepflegt, von uns behandelt, wir haben mit ihr geredet, mit ihr gelacht. Jetzt liegt sie dort reglos vor mir. Ihr Mund leicht geöffnet, die Augen geschlossen. Sie schaut so friedlich aus. In ihrem Zimmer riecht es nach Kerzen. Der Pastor hat sie bereits gesegnet und verabschiedet, auch die Familie war bei ihr. Sie starb eine Stunde vor meinem Arbeitsbeginn.

„Vor der Frühstückspause bringen wir sie noch hinunter“, teilte mir ein Pfleger mit. „Hinunter?“, fragte ich verwirrt. „In den Leichenkeller.“ Ich schluckte. Wir zogen uns Handschuhe und einen Kittel an, bedeckten sie mit einer Decke, entfernten die Rosenblüten, ließen ihr aber die Rose in der Hand, griffen das Bett und gingen los. Es war ein beklemmendes Gefühl, wie wir durch das Krankenhaus liefen, wie jeder uns ansah.

Wir nahmen den Fahrstuhl und fuhren in den Keller. Dort wurden wir bereits erwartet. Es sei schon Platz gemacht worden. Wir lagerten sie auf einer Trage aus Metall, schoben sie in eine Art Kühlschrank, damit sie nicht verwest und verabschiedeten uns nochmal von ihr. Dann blickten wir uns andächtig an und gingen zurück. Das war's.

Während der Arbeit ist man zu abgelenkt, zu konzentriert, als dass man sich Gedanken über das machen könnte, was passiert ist. Nach der Arbeit holen mich diese Geschichten aber wieder ein. Der Tod war plötzlich so greifbar, so nahe. In diesen Momenten werde ich traurig und fühle mich schlecht. Gut, dass ich viele Freunde habe, mit denen ich über meine Erlebnisse sprechen kann.

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