interaktiv

Mein Freiwilliges Jahr

Nummer sechs

Autor:
Thilo

Rubrik:
orientieren

07.05.2015

Mittlerweile ist der sechste Patient bei mir auf der Station verstorben. Man könnte annehmen, dass einen in diesem Job der Tod irgendwann nicht mehr so berührt. Doch diesmal musste ich das erste Mal wirklich Palliativpflege betreiben. Ich habe erfahren, was es bedeutet, einen Menschen bewusst gehen zu lassen und sich so um ihn zu kümmern, dass er es auf seinem letzten Weg gut hat.

Ich habe noch seine Frau vor Augen, die völlig aufgelöst war, als er zu uns auf die Station kam. Merkwürdigerweise übertrug sich ihre Trauer nicht auf mich. Ich konnte sie noch anlächeln und ihr ermutigende Worte zusprechen. Zu dem Zeitpunkt hätte ich bereits ahnen müssen, wie das hier zu Ende geht. Ich habe in meinem naiven Optimismus daran festgehalten, dass er uns lebend verlassen wird, dass er wieder so gesund wird, dass er nach Hause kann. Ich glaube aber, dass in einer solchen Situation nur positive Gedanken helfen.

In den nächsten Tagen nahm sein Gesicht bereits blaue Verfärbungen an, er konnte sich kaum wach halten und ich musste ihm beim Essen helfen, weil er es allein nicht mehr schaffte. Seine fortgeschrittene Demenz verstärkte den Effekt seines physisch schlechten Zustandes. Er verstand nicht, was wir von ihm wollten und sperrte sich gegen alles. So lange, bis alle Versuche unterlassen wurden. „Wir geben ihm keine Medikamente mehr. Setzt die Behandlung ab“, waren die Worte des zuständigen Arztes. Was im ersten Moment nach einer großen Grausamkeit klingt, stellt sich im Nachhinein doch als der richtige Schritt heraus. Der Patient hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Und auch wenn es mir schwerfällt, das nachzuvollziehen, habe ich es doch deutlich gemerkt und muss es akzeptieren.

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