interaktiv

Mein freiwilliges Jahr

Zeugen

Autor:
Thilo

Rubrik:
orientieren

21.09.2015

Ein einziges Mal waren die männlichen Kollegen meiner Station und ich im Kino. Dort sahen wir einen Film namens „Mad Max 3D – Fury Road“, der einen bleibenden Eindruck hinterließ. Nachdem ich an meinem letzten Tag im Krankenhaus nämlich ordentlich Pizza ausgegeben hatte, wurde ich in den Aufenthaltsraum gebeten, aus dem sehr verdächtige Musik drang. Meine Kollegen sprühten sich Sahne in den Mund und schrien dabei, dass sie meine Zeugen seien. Eine derartige Szene gab es auch in dem Film. Ich wurde bei der Sache keineswegs verschont, sondern voll mit einbezogen, sodass ich voller Sahne da stand und nichts mit mir anzufangen wusste. Anschließend durfte ich ein OP-Hemd überziehen.

Bei Feierabend ging ich dann im OP-Hemd zur Umkleide und verabschiedete mich auf dem Weg von etlichen Kollegen aus dem Krankenhaus. Allen voran natürlich die Leute von meiner Station, aus der Pflege, aus dem Ärzte-Team und aus der Therapie. Sie alle wünschten mir alles Gute und hielten mir noch einmal meine schlimmsten Fehler und Peinlichkeiten des Jahres vor. Danach gab es aber immer eine herzliche Umarmung, einen guten Spruch und manchmal auch die eine oder andere Träne auf beiden Seiten. Anschließend traf ich Krankenpflegeschüler, Schwestern und Pfleger von anderen Stationen, Reinigungskräfte, Leute aus der Objektversorgung und weitere Ärzte, die ich kennenlernen durfte. Auch hier gab es ein paar Worte des Abschiedes, lobende Sätze und Anerkennung, die ich gar nicht erwartet hatte.

Ich warf einen letzten Blick in meinen Spind, dachte an die letzten elf Monate, die ich Tag und Nacht hierher kam und wischte eine kleine Träne weg. Ich ging am Empfang vorbei, um auch dort „tschüss“ zu sagen, dann verließ ich das Krankenhaus und fuhr ein letztes Mal mit dem Bus, der mich zum Bahnhof bringt, um dort in den Zug steigen zu können, der bis jetzt mein treuer Begleiter nach Hause war. Nun ist es vorbei. Ich habe diese elf Monate geschafft. Verdammt, bin ich traurig, dass sie vorbei sind.

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