interaktiv

Mein Freiwilliges Jahr

Heimat

Autor:
Franziska

Rubrik:
orientieren

08.10.2015

Wenn ich früher im Urlaub gefragt wurde, wo ich herkomme, musste ich immer eine 60 Kilometer entfernte Stadt nennen, um wenigstens die grobe Richtung erklären zu können. Diejenigen, die ebenfalls aus einer Kleinstadt kommen, kennen diese Problematik wahrscheinlich. Dort, wo ich wohne, reden die Leute einen unverständlichen Dialekt, es fährt nach 20 Uhr kein Bus mehr, und die Hauptattraktion unserer „Innenstadt“ ist der große Supermarkt mit Salatbar.

Dafür gibt es jede Menge Obstplantagen, Pferdeweiden und Weingüter. Und natürlich das jährliche Rotweinfest, das absolute Highlight eines jeden Jahres. Was man vor allen Dingen daran festmachen kann, dass der Rotweinfest-Montag ein inoffizieller Feiertag in der gesamten Stadt ist: Die Verwaltungen sowie sämtliche Geschäfte bleiben geschlossen. Stattdessen trifft man sich ab 11 Uhr auf dem Festplatz. Dabei ist es eigentlich gar keine große Sache: Es gibt ein paar wenige Fahrgeschäfte, viele Essensbuden und natürlich unzählige Weinstände. Als ich kleiner war, bin ich mit Papa oft Autoscooter oder Kettenkarussell, später dann mit wilderen Fahrgeschäften gefahren. Seit ich ein bisschen zu alt für diese Dinge geworden bin, ist das Rotweinfest einfach nur zu einem jährlichen Treffpunkt geworden. Ich treffe dort Freunde, die auf eine andere Schule gegangen oder sogar umgezogen sind, Klassenkameraden aus der Grundschule, die ich seitdem auch nicht mehr gesehen habe, Leute, die ich einfach von irgendwoher kenne, sogar ehemalige Lehrer – und ohne, dass ich mich verabrede, treffe ich alle spätestens am letzten Wochenende im September wieder. Und gerade jetzt, in der Zeit nach der Schule, in der das Abitur alle meine Freunde in alle Himmelsrichtungen verstreut hat, und einige schon weggezogen sind, führen die Wege viele meiner ehemaligen Mitschüler für dieses Wochenende doch wieder zurück in die Heimat.

Obwohl ich es als Kind immer als Fluch empfunden habe, in einer Kleinstadt zu leben, weiß ich mittlerweile, dass es ein Segen ist, hier aufgewachsen zu sein. Wer braucht schon einen regelmäßigen Busfahrplan, wenn man sowieso alles mit dem Fahrrad erreichen kann? Nachdem ich 19 Jahre lang am gleichen Ort gewohnt habe, würde ich blind jeden einzelnen Schleichweg finden. Hier kenne ich jeden Spielplatz von früher, jedes Restaurant und jedes Geschäft. Ich verstehe den Dialekt, kenne so ziemlich jeden Namen und fast jedes Gesicht. Und ich weiß, dass ich hier zu Hause bin, egal wohin es mich irgendwann verschlagen wird.

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