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Mein Freiwilliges Jahr

Auf Abstand

Autor:
Lydia

Rubrik:
orientieren

30.04.2018

Sobald ich am Morgen meinen ersten Schritt auf Station setze, kommt mir alles entgegen: der Geruch von Desinfektionsmitteln; der delirante Patient, der schon wieder das Haus zusammenschreit; der Stress, der mich in den nächsten Stunden erwartet. Ich weiß jetzt schon, dass von meinen knapp 40 Patienten mindestens zehn schwere Pflegefälle sind. Schicksalsschläge, die jedem von uns passieren können und die niemand erleben möchte – ich habe jeden Tag betroffene Menschen um mich. Jeden Tag höre ich schmerzerfüllte Stimmen, sehe Angehörige, denen die Tränen herunterlaufen, weil wir doch nichts mehr für ihr Familienmitglied tun können, und hoffe mit anderen Patienten, dass für sie schnell ein Reha-Platz gefunden wird. Bei all dieser seelischen Belastung ist es wahnsinnig wichtig, dass das Pflegepersonal nicht daran kaputt geht – so auch ich nicht.
Was kann ich also tun, um das alles nicht mit nach Hause zu nehmen? Wie viel Distanz zum Patienten ist okay, um nicht völlig herzlos zu werden?
Distanz ist enorm wichtig, allerdings darf es auch nicht zu viel sein. In meinem (zukünftigen) Job bin ich mehr als nur eine Krankenschwester – ich bin der Tröster, der die Tränen trocknet. Doch sobald ich das Patientenzimmer verlassen habe, sind meine Gedanken schon woanders. Für mich sind diese Patienten, die eine liebevolle Familie um sich haben, völlig Fremde. Ich habe nie eine Beziehung zu ihnen aufgebaut, außer eine pflegerische. Ich weiß zwar über die gesundheitliche Entwicklung Bescheid, aber oft weiß ich nicht einmal das genaue Alter.
Generell kann ich meine Arbeit sehr gut im Krankenhaus lassen. Im Laufe des Jahres habe ich jedoch festgestellt, dass ich nach dem Dienst immer sehr aufgekratzt bin. Kein Wunder, immerhin rase ich knapp neun Stunden ununterbrochen von Zimmer zu Zimmer. Irgendwann habe ich angefangen, Sport zu treiben. Vor allem direkt nach dem Dienst lässt mich das enorm herunterfahren und entspannt meine Seele.
Natürlich kann ich hier nur für mich sprechen. Jeder hat seinen eigenen Weg, mit solchen Dingen umzugehen. Wichtig ist jedoch auf jeden Fall eines: So oft, wie du in diesem Bereich an andere denkst, solltest du auch an dich denken!

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