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Ingenieurwesen? Ja, bitte!

Theresienstadt

Autor:
Katha

Rubrik:
studium

17.11.2017

Nachdem wir etwas über die Hälfte der Gesamtstrecke hinter uns gelassen hatten, machten meine Freunde und ich uns von Prag aus auf den Weg in das nahegelegene Konzentrationslager Theresienstadt.
Theresienstadt war ein eher ungewöhnliches KZ, das anfangs nur als Gestapo-Gefängnis, später als Sammellager für prominente Juden diente, von wo aus fanden aber auch alle möglichen Deportationen in andere Konzentrationslager statt. Für viel Geld wurde prominenten und wohlhabenden Juden dort ein sorgloses Leben mit Wohnung, Arbeit und Verpflegungspauschale versprochen. Natürlich lebte man in Wahrheit unter prekären Bedingungen Bett an Bett, nach Geschlechtern getrennt, in vollgestopften ausgedienten Kasernen mit streng rationiertem Essen. Wer dort lebte, konnte immerhin seine Religion ausleben, Theater spielen oder auch seinem gelernten Handwerk nachgehen. Außerdem setzte man einen Ältestenrat aus Juden ein, der Kritikern vorgaukeln sollte, die Juden lebten dort vollkommen selbstbestimmt. Tatsächlich hatte dieser jedoch kaum Macht, dokumentierte aber alles, was vor sich ging, heimlich für die Nachwelt. Diese Aufzeichnungen wurden auch nicht zerstört, als die Nazis ihre Dokumente 1945 verbrannten. Da sehr lange niemand wusste, was in anderen KZs wie Auschwitz, Sachsenhausen oder Dachau vor sich ging, nahmen es viele einfach hin, wenn es hieß, dass sie dorthin umziehen sollten. Sobald ein Familienmitglied nach Theresienstadt musste, meldeten sich viele Angehörige sogar freiwillig für den nächsten Transport zu diesem KZ, um weiter bei ihren Lieben wohnen zu können – völlig unwissend, was sie dort erwarten würde.
Obwohl die große Anlage heute wieder bewohnt ist und dort keine Tötungen stattfanden, herrschte unter uns eine sehr beklommene Stimmung. Wir verbrachten deutlich mehr Zeit dort als geplant, waren aber auch seltsam erleichtert, als wir Theresienstadt wieder verließen.

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