interaktiv

Die Juristen von morgen

Verantwortung

Autor:
Luisa

Rubrik:
studium

19.06.2019

Bisher fühle ich mich im Referendariat noch eher wie im Studium, auch wenn ich inzwischen praktisch arbeite. Was mir im Vergleich zum Arbeitsleben fehlt: Verantwortung übernehmen. Zwar muss ich jetzt schon Entscheidungen treffen und Urteile oder Anklagen verfassen, aber in 99 Prozent der Fälle guckt mein Betreuer nochmal über das, was ich da so fabriziert habe. Wie der Jurist sagen würde – „unmittelbare Außenwirkung“ hat mein Handeln daher noch nicht. Anders ist das in der Strafstation bei der Staatsanwaltschaft: Hier werden die Referendare ins kalte Wasser geworfen, indem sie bei Gerichtsverhandlungen die Staatsanwaltschaft vertreten. Als „vollwertiger“ Staatsanwalt sitzt man neben dem Richter und darf in gewissem Rahmen entscheiden, was man am Ende beantragt. Dementsprechend eilt den Roben, die man sich für die Sitzungsvertretung ausleihen darf, auch der Ruf nach einem ätzenden Angstschweiß-Geruch voraus.
Auch ich bin in den Wochen der Sitzungsvertretung immer leicht angespannt. Denn ich will der Aufgabe und insbesondere dem Angeklagten sowie den Geschädigten gerecht werden. Bloß nicht zu wenig Strafe, aber auch nicht zu viel beantragen. Auf keinen Fall will ich mich blamieren. Das ist besonders beim Plädoyer die große Herausforderung, wenn man nach teilweise stundenlanger Verhandlung die Zeugenaussagen und andere Beweise würdigen, strafrechtlich subsumieren und dann schlussendlich ein konkretes Strafmaß beantragen muss.
Ein Teil aller Verhandlungen findet übrigens gar nicht oder nicht wie geplant statt, weil Angeklagte oder Zeugen nicht erscheinen. Und für den Teil, der doch stattfindet, muss man flexibel sein. Denn in den seltensten Fällen ergibt sich der Fall vor Gericht so, wie er in der Anklage beschrieben ist. Ich hatte in meiner Station verhältnismäßig wenig Sitzungstermine, doch trotzdem fühlte ich mich am Ende einigermaßen souverän. Man übt, souverän aufzutreten, flexibel auf Situationen zu reagieren und frei zu sprechen. Und wieder mal bietet dieser Teil der Ausbildung viel Stoff zum Erzählen. Von der eigenen Überforderung, von dreisten Verteidigern und von Angeklagten, die im Sitzungssaal ausrasten oder wie auf einem Markt um ihre Strafe feilschen.

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