interaktiv

Schülerleben live

Das soll es jetzt gewesen sein?

Autor:
Noelle

Rubrik:
orientieren

13.07.2012

Eigentlich war es ja vorherzusehen... Schließlich saß ich schon seit einem gefühlten halben Jahr zu Hause rum und tat nichts anderes, als mir den Lernstoff der letzten vier Halbjahre reinzuziehen. Hausaufgaben? Was war das gleich nochmal? Ja, so langsam rückte mein wohltuend durchgeplanter Schulalltag in nicht mehr auszumachende Ferne – und die angsteinflößend unsichere Zukunft rückte immer näher.

Jetzt sitze ich hier an einem Freitagvormittag im Schlafanzug und befürchte, dass diese Zukunft bereits begonnen hat. Zwei-Fach-Bachelor Medien- und Kommunikationswissenschaften oder doch lieber Literatur mit Nebenfach Englisch? Was bitte ist eine Matrikelnummer und wo zur Hölle will ich überhaupt hin? Bonn, Münster, Marburg? Bitte nicht zu groß, aber ein paar coole Klamottenläden sollte es schon geben...

Spätestens seit letzter Woche habe ich nun alles hinter mir, was auf das Ende dieser Ära hindeutet: die Abistreiche, das Tragen meines Kleides auf dem Abiball, den Erhalt meines allerletzten Zeugnisses, das Lesen der Abizeitung. Der einzige Bericht darin, in den ich nicht meine Recht- und Schönheitsfehler aufspüren wollende Nase gesteckt habe, ist wohl der über mich. Geschrieben von meinen zwei besten Freundinnen. Wie das Festhalten eines Ichs, das ich jetzt bin. Und das ich zukünftig möglicherweise nicht mehr sein werde: Ein Geschichten schreibendes Mädchen mit einem vorsintflutlichen VW Golf und einer Berechtigung auf einen Stammkundenplatz im Chinarestaurant meines Vertrauens.

Mit der Wahl meiner Leistungskurse, Deutsch und Englisch, lag ich nach den Meinungen aller goldrichtig – wie denn auch nicht, wenn meine Sportlichkeit in den letzten Jahren beständig weiter ins Bodenlose abdriftete und alle Fachausdrücke in Biologie wie Suomi für mich klangen. Deutsch und Englisch also: Lesen, darüber reden, ach ja – und nochmal lesen. Da nervt wenigstens kein unterbelichteter Muckibudenheini, der 45 Minuten lang nichts anderes im Sinn hat, als mit seinem Smartphone zu spielen.

Das Beste an der Oberstufe – neben der Neuordnung der Kurse – bestand jedoch in dem völlig neuen Lebensgefühl. Plötzlich ist es legal, im Unterricht ein Nickerchen zu halten, und was sind schon zwanzig Minuten Verspätung? Da schwand auch meine Arbeitsmoral allmählich dahin und das, obwohl ich mich noch in der zehnten Klasse mit 40 Grad Fieber kaum zu Hause bleiben traute.

Ein merkwürdiger Gedanke, dass die Realität, an die ich mich gerade gewöhnt hatte, schon wieder zu Ende sein soll. Ehe man sich versieht, trampt die eine durch Thailand und die anderen reisen gemeinsam die Ostküste Australiens entlang, obwohl sie in der Schule nicht einmal anderthalb Worte miteinander wechselten.

Fragt sich nur, was das Leben nun für mich bereit hält. Thailand und Australien fallen schon mal weg – zu viele Krabbelviecher. Aber eins ist sicher: Die Schulzeit war die beste Zeit meines Lebens. Bis jetzt.

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