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Schülerleben live

Dorfkind

Autor:
Han

Rubrik:
orientieren

08.05.2020

Ich bin ein Dorfkind. Unser kleines Dorf hat etwa 1.300 Einwohner und ist somit das zweitgrößte Dorf unseres Landkreises. Die sogenannte ,,Stadt” hat auch gerade einmal 15.000 Einwohner, die nächste Stadt, die man nicht in Anführungszeichen setzen muss, kommt dann tatsächlich doch auf 150.000 Einwohner, liegt aber eine knappe Autostunde entfernt.
Genug Zahlen, aber ich könnte mich ewig darüber auslassen, denn wie man vielleicht schon erkennt, hege ich einen gewissen Groll gegen mein Dasein als Dorfkind. Sicher, meine Kindheit war toll, inklusive Räuber und Gendarm spielen, mit allen Nachbarkindern, quer durch alle Nachbarsgärten, aber ich merke zunehmend, dass viele Leute auf dem Land sehr konservativ und engstirnig sind – als ich mich vor drei Jahren entschlossen hatte, mich von meinen langen Haaren zu verabschieden und mir einen Pixie schneiden lassen zu lassen, war ich auf dem nächsten Dorffest das Gesprächsthema schlechthin. Offen gestanden kannte ich die meisten Menschen gar nicht, die über mich geredet haben, weil ich nicht viele Kontakte im Dorf pflege. Auch ich war für sie meist nur die Schwester oder Tochter oder Enkelin von jemandem. Trotzdem hielten sie es für nötig, über mich zu reden.
Eine Instagram-Abstimmung auf einem Meme-Account über unsere Stadt hat gezeigt, dass etwa 50 Prozent aller Teilnehmenden Homosexualität kritisch gegenüber stehen. Natürlich handelt es sich dabei um keine wissenschaftliche Umfrage, trotzdem gibt sie einen ganz guten Einblick.
Jungen spielen Fußball, Mädchen tanzen auf Karneval – auch Freizeitangebote sind ziemlich begrenzt. Wir sind zum Glück mit einer kreativ geführten Bibliothek gesegnet, in der ich an Schreibworkshops teilnehmen konnte, aber trotzdem fehlt es mir hier an Angeboten. Natürlich mangelt es auch an der Nachfrage.
Aus diesem Gründen freue ich mich schon, in eine etwas größere Stadt zu ziehen, gleichzeitig spüre ich jetzt aber auch schon etwas Wehmut. Schließlich habe ich mein ganzes Leben hier verbracht und obwohl ich hier nicht alles super finde, ist es meine Heimat.

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