interaktiv

Schülerleben live

Das Ende eines Lebensabschnitts

Autor:
Maril

Rubrik:
orientieren

16.07.2020

Ich bin nun seit wenigen Tagen offiziell keine Schülerin mehr. Beängstigend. Beim Abiball sind die abschließenden Worte unseres Schuldirektors gar nicht vollständig zu mir durchgedrungen. Erst zu Hause, als ich meine Füße von den unbequemen Absatzschuhen befreite, wurde mir klar: Die Schulzeit ist nun wirklich vorbei. Ich habe keine schulischen Verpflichtungen mehr. Nun bin ich irgendwie auf mich selbst gestellt und soll Pläne schmieden. Ein paar meiner (ehemaligen) Klassenkameraden scheinen damit ziemlich überfordert zu sein. Doch wer kann es ihnen verübeln? Seit über 18 Jahren haben Leute uns vorgeschrieben, was wir tun und lassen sollen. Es wurde vorgeschrieben, wann und wo wir zur Schule gehen, was wir dort dann für Fächer belegen und welche Hausaufgaben wir machen oder was wir für die Leistungskontrollen lernen sollen. Manchmal hatten wir zwar die Wahl, etwa bei der Leistungskurswahl für die Sekundarstufe II. Doch viel Auswahl gab es nicht. Tatsächlich war es vielleicht sogar besser, nicht allzu viel selbst entscheiden zu müssen. Dennoch ist es auch nicht besonders rücksichtsvoll, uns nach der Schule einfach so auf eigene Füße zu stellen und zu sagen: Ihr seid jetzt volljährig – nun übernehmt Verantwortung und geht euren Weg. Tja, manche haben aber einfach keinen Plan. Ob man weiß, was man will, hängt nicht vom Alter oder vom Schulabschluss ab. Nur weil wir nun 18 sind oder unser Abitur in der Tasche haben, weiß nicht jeder von uns, was er nun mit seinem Leben anfangen möchte. Einerseits bescheinigen uns die "Erwachsenen“ völlige Eigenverantwortung, aber auf der anderen Seite wird jede Entscheidung beurteilt, natürlich auch von Gleichaltrigen.
Ich habe einen Plan. Ein Freund von mir weiß es nicht. Er hängt zwischen den Stühlen. Jeder fragt ihn, ob er denn nun endlich wisse, wie es weitergehen soll. Sie alle geben wenig sinnvolle Ratschläge und drängen ihn zu einer endgültigen Entscheidung. Es ist nur gut gemeint, das ist klar, doch es ist nicht unbedingt hilfreich. So wie ich das sehe, weiß mein Kumpel sehr wohl, was er will. Er weiß, dass er nicht weiß, was er machen will. Also nimmt er sich ein Jahr Zeit, jobbt in der Gegend, um ein bisschen Geld zurücklegen zu können, macht Praktika oder vereist für ein paar Wochen. Und dann erst entscheidet er, wie es weitergehen soll. Ich denke, es wird einigen wie meinem Kumpel gehen und es spricht meines Erachtens nichts dagegen, sich Zeit zu lassen. Doch dafür müssten alle anderen aufhören, die Pläne, Wünsche, Ziele, Träume, Hirngespinste und auch die Unsicherheit von jungen Menschen beurteilen und in eine bestimmte Richtung lenken zu wollen – auch wenn es nur gut gemeint ist. Manchmal ist Zurückhaltung nicht nur eine Frage der Höflichkeit, sondern eine Notwendigkeit.

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