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USA

Orgelius aus Berlin

Autor:

Rubrik:
studium

02.05.2008

Beim alljährlichen Chestnut Hill Art Festival, das in der Hauptstrasse des Stadtviertels Germantown stattfindet, sah ich zwischen Fotografen, Malern, Zeichnern und anderen Künstler und Kunsthandwerkern auch einen Leierkastenmann.

Ein kleiner, netter, runder Mann mit schwarzem Zylinder. Auf seinem Wagen stand "Orgelius aus Berlin".  Ich sprach ihn natürlich gleich an und er freute sich wieder einmal seine Muttersprache zu hören. Tatsächlich kam er - vor gut einem halben Jahrhundert - aus Deutschland hierher. Ich müsse unbedingt am kommenden Freitag mit ihm zum Treffen der Schlaraffen kommen - ein toller Verein, wie Rotary, nur lustiger meinte er zu mir. Er gab mir seine Telefonnummer und drehte fröhlich seinen Leierkasten weiter. Jedes Mal, wenn ein Kind einen Dollar in eine kleine Box steckte, seinen Zylinder lüftend.

Ich hatte Orgelius inzwischen mal angerufen und wir hatten uns für sieben Uhr abends vor seinem Haus verabredet. In einer typisch amerikanischen Straßenkutsche fuhren wir ein paar Meilen aus der Stadt zu einer etwas abseits gelegenen Kneipe. Als wir eintraten grüßten Orgelius ein paar ältere skatspielende Herren auf Deutsch. Wir aber gingen zu einem etwas abgelegenen Raum hinter der Bar.

Was war das?! Als ich eintrat fühlte ich mich wie mit einer Zeitmaschiene ins Mittelalter versetzt. An den Wänden hingen gekreuzte Schwerter und Hellebarden. Alles war in schwerem Holz gefasst und links und rechts von mir reihten sich zwei Tafeln, an deren Ende quer dazu ein dreifacher Thron stand. Dunkles grob gearbeitetes Holz. Viele Kerzen, schwere Samtstoffe und allerlei dekoratives Klimbim. Kurz darauf kamen die anderen Schlaraffen herein. Lustig bunte mit Metallanhängern geschmückte phrygische Mützen trugen diese Herren, deren Alter ich auf 75 bis 85 schätzte.

Als sich alle eingefunden und an der Tafel Platz genommen hatten, entdeckte ich auch ein paar jüngere Gesichter. Alle trugen sie Anzüge und auf dem Kopf diese Mützen. Es hieß nicht ich und du, sondern wir und ihr, wie bei der englischen Königin. Sie nannten sich Junker und Ritter und mich einen Pilger. Ihre Sprache war insgesamt mittelalterlich. Man sprach nicht von Bezirken der Schlaraffen, sondern von Reychen. Es hieß nicht mein Beileid, sondern meine Kondolenz. Orgelius hatte mir nicht zuviel versprochen, als er sagte hier sei es lustig, denn nach etwas offiziellen Tamtam gingen einzelne Männer zu einem kleinen Podium am anderen Ende der Tafel und trugen Gedichte vor, hier Fechsungen genannt. Spottgedichte und Persiflagen zu gesellschaftliche Themen, einer spielte ein selbstkomponiertes Klavierstück.

Das war eine interessante Erfahrung, so weit von der Heimat und doch so urig deutsch.

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