interaktiv

Studieren im Ausland

Fischsuppe mit Lesebrille

Autor:
Rose

Rubrik:
studium

11.06.2014

Gestern spielte auf dem Roznik, dem Hausberg von Ljubljana, eine der bekanntesten Ex-Yu-Rockbands, nämlich Riblja Corba (Serbisch für „Fischsuppe“).

Diese alten Bands, wie Hladno Pivo, Bjelo Dugme und noch viel mehr erfreuen sich auf dem ganzen Balkan großer Beliebtheit. Das wusste ich natürlich schon aus meiner Zeit in Novi Sad, aber es war mir nicht klar, dass es auch in Slowenien eine so große Jugo-Nostalgie gibt. Schließlich steht Slowenien im Vergleich zu den anderen ex-jugoslawischen Staaten noch ganz gut da und müsste sich nicht nach den „guten alten Zeiten unter Tito“ zurücksehnen. Aber wahrscheinlich ist es einfach etwas Menschliches, die Vergangenheit zu glorifizieren.

Das Konzert jedenfalls war sehr gut besucht, die Fans drängelten sich, man wurde von links nach rechts und wieder zurück geschubst und alle - außer uns Erasmus-Studis - konnten die Texte lückenlos mitsingen. Die Rocker sahen zugegebenermaßen nicht mehr so frisch aus wie in den Videos aus den Achtzigern, aber da sie ja auch schon im Rentenalter sind, sei ihnen das verziehen. Sie erinnerten mich ein bisschen an die Stones, die ja auch noch touren, obwohl sie sich in ihren Lehnstuhl zurückziehen könnten. Es ist schön, wenn Musiker nicht die Freude an der Musik verlieren, und noch bis ins hohe Alter auf der Bühne stehen. Aber ganz ernst konnte ich den Frontsänger nicht mehr nehmen, als er kurz vor Beginn des zweiten Liedes seine Lesebrille aus der Tasche zog und begann, den Text von einem DIN-A4-Blatt abzulesen. Schade, dass er selbst nicht mehr wusste, wie der Text eigentlich ging. Aber immer noch besser, als wenn er etwas Falsches gesungen hätte. Dann wären die Fans wahrscheinlich auf die Barrikaden gegangen. Dann doch lieber eine kleine Gedankenstütze für Senioren. Schließlich hatten auch die Stones in Berlin 2006 ein Display, auf dem der Text mitlief, und eine der großen Berliner Zeitungen titelte: „I can't get no ... ähh?“

Was mir persönlich zu denken gegeben hat, war die Tatsache, dass neben uns ein paar Fans plötzlich ihre serbische Flagge aus der Tasche zogen und anfingen, sie herumzuschwenken und sich vor ihr zu fotografieren. Andere Fans streckten Daumen, Zeige- und Mittelfinger hoch, was ein serbisch-nationalistischer Gruß ist. Ist denn Riblja Corba nicht eine Band aus der Zeit, in der Jugoslawien noch ein Land war und die einzelnen Ethnien nicht versuchten, sich mit allen nationalistischen Mitteln voneinander abzugrenzen? Im Prinzip natürlich schon, das Problem ist nur, dass die Band und vor allem der Frontsänger wohl während der 90er Jahre die Serbische Armee in Bosnien und Kroatien unterstützte und zum Teil sehr fragwürdige Lieder aufnahm. Erstaunlich, dass sie in Slowenien aufgetreten sind, wo Menschen aus allen Ex-Yu-Staaten zusammenleben. Aber vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung, wenn die Fans das auch so verstehen würden.

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