interaktiv

Studieren im Ausland

Professoren duzen?

Autor:
Esther

Rubrik:
studium

18.08.2014

Erst zwanzig Minuten, nachdem Rapha und ich angefangen hatten, uns zu unterhalten, erschienen die ersten anderen Studierenden und nach und nach füllte sich der Raum. Auch der Professor kam bald darauf und begann, die Namensliste vorzulesen. Bei jedem Namen machte er Halt und unterhielt sich kurz mit der jeweiligen Person. So ging es in der Stunde fast ausschließlich darum, sich kennenzulernen. Während ich in Deutschland in meinem Soziologieseminar nach einem halben Jahr immer noch nicht einmal fünf Namen der 30 Teilnehmenden kannte, wusste ich nach anderthalb Stunden nicht nur, wie meine Kommilitonen hießen, sondern auch, woher sie kamen, was sie studierten, wie alt sie waren und welche Pläne sie für die Zukunft hatten. Unser Dozent stellte uns Fragen zur derzeitigen politischen Lage, was wir vom Mindestlohn hielten, und fragte mich, wie das Gesundheitssystem in Deutschland funktioniert, um es anschließend mit dem Brasiliens zu vergleichen. Es ist wirklich unglaublich, dachte ich mir, wie unterschiedlich Uni-Veranstaltungen sein können. In Deutschland hätte sich ein Professor niemals nach unseren politischen Ansichten oder nach unserem privaten Leben erkundigt. Ich erinnerte mich noch gut an meine Seminare in Deutschland und daran, dass, wenn es hoch kam, wir uns mit unseren Namen vorstellten und vielleicht noch sagten, warum wir den Kurs gewählt hatten. Hier lief das völlig anders. Der Professor, der auch der Vorsitzende des Soziologie-Departments war, bestand sogar darauf, dass wir ihn beim Vornamen nannten. Als ich erzählte, dass es in Deutschland unmöglich wäre, einen Professor zu duzen und auch die Studierenden gesiezt und mit dem Nachnamen angeredet würden, konnten meine Kommilitonen das kaum glauben. „Was? Du wirst von deinen Dozenten gesiezt? Das ist doch nicht normal! Kein Wunder, dass die Deutschen so kalt sind!“ lachten sie. Obwohl ich einerseits diese Nähe zwischen Studierenden und Professoren seltsam fand, merkte ich andererseits aber auch, dass es mir gefiel und mir die Unsicherheit nahm, keineswegs jedoch den Respekt vor dem Dozenten.

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