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Studieren im Ausland

Am Puls Europas

Am Europakolleg zu studieren, heißt, nah am Puls der (europäischen) Zeit zu sein. Mitzuerleben, wie die Spanier entsetzt und fassungslos den Vorlesungssaal verlassen, als die Katalanen ihre Unabhängigkeit erklären. Einem Streitgespräch zwischen zwei Italienern zu lauschen, ob die Lombardei die Unabhängigkeit verdient hätte. Mit den Briten darüber zu trauern, dass es den Brexit geben wird. Und auch mehr über Nachbarländer der EU zu lernen, beispielsweise über den Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan, der immer noch Auswirkungen auf die jüngste Generation hat.
Ich muss zugeben, am Anfang war diese Internationalität einer der Gründe, warum mir das Einleben schwerer fiel als zu Beginn meines Studiums in Hamburg. Ich habe hier gemerkt, dass ich mit Deutschen mehr gemeinsam habe, als ich dachte. Die Unterschiede zu den anderen Nationalitäten haben es mir erschwert, schnell Freundschaften zu schließen. Denn hier gibt es nicht den „kleinsten gemeinsamen Nenner“, auf den man sich bei Auslandssemestern berufen kann – zum Beispiel, aus dem gleichen Land oder vom gleichen Kontinent zu kommen. Denn es geht ja gerade darum, sich nicht immer mit den Deutschen zusammenzutun, sondern darum, unter diesen 50 Nationalitäten seine Freunde zu finden, ohne sich auf Gemeinsamkeiten wie Sprache, Filme aus der Kindheit oder Politik auszuruhen. So kann man nur wenige Filter anwenden, um sich Freunde aus diesen 350 Menschen rauszusuchen – und das führt zu Überforderung.
Wenn man sich jedoch an diese Vielfalt gewöhnt hat, ist sie wahnsinnig bereichernd. Ich genieße es, kurz nach der Wahl in Österreich mit mehreren Österreichern über das Ergebnis diskutieren zu können. Oder mit Belgiern darüber, warum Populismus bei ihnen gar nicht als problematisch angesehen wird. Ich finde es aufregend, auf einer persönlichen Ebene so viele der aktuellen europa- und weltpolitischen Probleme mitzuerleben, und möchte immer wieder daran erinnert werden, warum ich so von der Idee und den Werten der Europäischen Union überzeugt bin. Und je weiter das akademische Jahr fortschreitet, desto eher finden sich Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel das schwierige Paper über eine wirtschaftspolitische Empfehlung für einen europäischen Staat, unter dem meine Kommilitonen und ich gerade leiden - gemeinsam.

Autor: Luisa  |  Rubrik: studium  |  Nov 6, 2017
Autor: Luisa
Rubrik: studium
Nov 6, 2017

Studieren im Ausland

Simulationsspiel

Schon des Öfteren habe ich mit Kommilitonen darüber diskutiert, ob das Studium hier das Zertifikat „wissenschaftlich“ verdient. Wohl eher nicht. Man lernt hier Effizienz, mit Druck umzugehen, in einer kurzen Zeit viel aufs Papier zu bringen und praktisch zu arbeiten. Aber das soll es ja auch sein – eine Vorbereitung auf das Berufsleben nach dem College.
Und diesen Praxisbezug finde ich ziemlich spannend. Einer der Pflichtkurse, der wohl die meiste Praxisrelevanz aufweist, ist das sogenannte Simulationsspiel. Hier bekommt man einen aktuellen Gesetzgebungsvorschlag aus der Europäischen Union zugewiesen sowie eine Rollen im Prozess, und dann simuliert man die Verhandlungen in den verschiedenen europäischen Institutionen. Die Rollen reichen über nationale Regierungen, rechts-populistische Abgeordnete im Europaparlament, Kommissionäre bis hin zu Nicht-Regierungsorganisationen, bekannt auch unter der englischen Abkürzung NGO. Mir wurde Letzteres zugewiesen – ziemlich spannend, insbesondere, da ich gar nicht weiß, wie sie auf den Gesetzgebungsprozess Einfluss nehmen. Denn institutionalisiert ist ihre Rolle nicht.
Auch das Thema an sich ist toll: Unser Gesetzgebungsvorschlag ist eine Reform des Dublin-Systems, also der Regulierung von Einwanderung in Europa. Gerade in Zeiten kurz nach der Flüchtlingskrise ein hochbrisantes und wichtiges Thema. Aber auch hier bin ich unsicher, wie die konkreten Reformvorschläge aussehen.
Jetzt muss ich ein Positionspapier schreiben und stehe noch vor zwei großen Fragen: Welche Rolle spielen NGOs im Gesetzgebungsprozess und welche Veränderungen enthält der Reformvorschlag? Latent gestresst bin ich schon, weil dieses Paper in drei Wochen fertig sein muss, zusammen mit zwei anderen Aufsätzen, mit denen ich noch nicht angefangen habe. Aber es wird laufen, wie es immer läuft: Langsam vortasten, mehr Ahnung bekommen, das Paper runterschreiben. Und auf die richtige Simulation, die dann im zweiten Semester stattfindet, freue ich mich schon sehr.

Autor: Luisa  |  Rubrik: studium  |  Oct 30, 2017
Autor: Luisa
Rubrik: studium
Oct 30, 2017

Studieren im Ausland

Die Herausforderungen des Kollegs

In meinem Studium am Europakolleg muss ich einige Herausforderungen meistern. Ein kleiner Überblick:

1. Neulich in der „Droit institutionnel de l’Union Européenne“-Vorlesung, also der zum institutionellen Recht der EU. Zwar spricht der Professor einigermaßen langsam, aber auf Französisch zuhören und mitschreiben gleichzeitig geht nicht. Dann schreibe ich halt auf Deutsch mit. Und nutze die weitläufigen Exkurse des Professors, um meinem Gehirn zwischendurch eine Pause zu genehmigen.

2.Sich nicht davon stressen lassen, dass alle (Franzosen) in der Vorlesung wie verrückt mittippen – kriegen die nicht Muskelkater in den Fingern?

3. Einen politikwissenschaftlichen Aufsatz schreiben. Nicht nur, dass ich seit der Schule keinen Aufsatz mehr geschrieben habe (Gutachten zählen nicht), auch die Struktur am Kolleg ist mir noch nicht so ganz klar. Was ist der Unterschied zwischen dem Thema, das mir gegeben wird, der Untersuchungsfrage und der Hypothese? Was soll ich alles genau erklären und was ist überflüssig? Der Tipp von meinem akademischen Assistenten, das Paper so zu schreiben, als würde ich es an einen Politikwissenschaftler adressieren, bringt mir auch nichts. Ich bin doch Juristin!

4. Mit einem Spanier, einem Italiener, einem Portugiesen und einer Französin einen Vorschlag für die wirtschaftspolitische Ausrichtung von einem kleinen, europäischen Staat schreiben.

5. Mich zwischen den vielen Studentengruppen entscheiden. Will ich lieber mit der Umweltgruppe die Welt retten, über Menschenrechte oder die Zukunft diskutieren, an meinen Debattierfähigkeiten arbeiten, tanzen lernen, Restaurants ausprobieren, im Chor teilnehmen oder dem Romanclub beitreten?

6. Am Tag gefühlt eintausend Mal zwischen Französisch, Englisch und Deutsch wechseln.

7. Ein Thema für die Masterarbeit finden. Ich habe doch grade erst hier angefangen, und gerade erst zu Politikwissenschaften gewechselt, und beschäftige mich doch gerade erst seit langem wieder ausführlicher mit dem Thema Europa! Und woher soll ich wissen, ob das Thema zu groß oder zu klein ist für eine Masterarbeit? Ob ich damit wirklich (wenn auch nur ein klitzekleines bisschen) etwas Neues zur Literatur beitragen kann?

8. Immer wieder neue Leute kennenlernen und Smalltalk führen. Und Namen nicht vergessen!

Autor: Luisa  |  Rubrik: studium  |  Oct 23, 2017
Autor: Luisa
Rubrik: studium
Oct 23, 2017