Logo Bundesagentur für Arbeit
Logo Bundesagentur für Arbeit
  • Drucken
  • Versenden
  • PDF (Öffnet sich in neuem Fenster)

Kategorien

Studieren im Ausland

Eine erste Bilanz

Mein erstes Semester in Brügge geht zu Ende. Die Vorlesungen sind bereits beendet, nächste Woche gibt es noch Tutorien, und dann geht die Klausurphase los – der perfekte Zeitpunkt, um eine erste Bilanz meines wissenschaftlichen Lebens hier zu ziehen.
Um ganz ehrlich zu sein: Ich weiß immer noch nicht genau, was Politikwissenschaften sind. Was machen sie, was sind Herangehensweisen, was ist ihr Ziel? Einen kleinen Einblick habe ich natürlich bekommen. Ich kenne ein paar Theorien und ich weiß, dass Politikwissenschaften politische Entwicklungen erklären wollen. Aber ich habe schon nach manchem Tutorien die wissenschaftlichen Mitarbeiter frei heraus gefragt: „Was bringt das eigentlich?“ Als Jurist kann man den Sinn von einigen der Theorien nur schwer verstehen und auch die Befragten konnten nicht umhin, meine Zweifel nachvollziehen zu können.
Das führt mich zu meiner größten Herausforderung momentan: die Masterarbeit. Ab Januar nächsten Jahres soll ich eine politikwissenschaftliche, etwa 50-seitige Arbeit schreiben. Das ungefähre Thema habe ich schon vor einem Monat ausgesucht. Als nächstes muss ich meinem betreuenden Professor eine Übersicht über meine Herangehensweise schicken. Und wisst ihr was? Ich habe wenig Ahnung. Ein paar Erste-Hilfe-Gespräche mit Freunden, die auch Politikwissenschaften studiert haben, hatte ich zwar schon, aber die können mir auch keine passende Theorie für mein Problem aus dem Hut zaubern. Das heißt also: Lesen, lesen, lesen; mit dem Wissen, dass ich mich in eine neue Herangehensweise einarbeiten muss – und dem Kribbeln des Interesses, der Neugierde und der Herausforderung.
Ansonsten ist meine erste Bilanz positiv. Ich habe zumindest schon einen politikwissenschaftlichen Aufsatz geschrieben, ein Positionspapier für eine Nicht-Regierungsorganisation zu einem aktuellen Reformvorschlag zum europäischen Asylrecht sowie einen Vorschlag, wie sich die Slowakei zu den Reformvorschlägen der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion positionieren sollte. Ich habe in den Diskussionsgruppen lebhaft über politikwissenschaftliche Theorien und aktuelle Probleme der europäischen Politikfelder mitdiskutiert und einen Vortrag gehalten – etwas, das ich vom Jurastudium gar nicht gewöhnt bin.
Ich bin zwar noch nicht fit für eine Masterarbeit – aber die ersten Schritte auf dem Feld der Politikwissenschaften bin ich schon gegangen.

Autor: Luisa  |  Rubrik: studium  |  Dec 8, 2017
Autor: Luisa
Rubrik: studium
Dec 8, 2017

Studieren im Ausland

Dissertation à la française

In „Lectures franco-allemandes“, einem Modul speziell für unseren Studiengang, sollen sich die deutschen und französischen Studierenden kultureller Unterschiede bewusst werden. Diese nehmen im Handeln, der Sprache oder der Arbeits- und Denkweise Gestalt an, unter anderem auch in Referaten.
Gemeinsam mit meiner französischen Partnerin präsentierte ich vor einiger Zeit soziologische Erklärungsansätze für das Verhalten wirtschaftlicher Akteure. Im Anschluss daran sprach uns unsere Dozentin auf die typisch deutsche Struktur unseres Referates an und bat uns, den Unterschied zur Französischen zu erklären. Wir hatten nacheinander die drei soziologischen Theorien in jeweils eigenen Gliederungspunkten vorgestellt und am Ende den Zusammenhang erklärt, um Wissen zu vermitteln. Ein Referat „à la française“ wäre anders aufgebaut: Die Herangehensweise an Themen bei einem französischen Referat basiert immer auf einer Form von Argumentation, die das Wissen bereits vorstrukturiert, indem sie Gegensätze und Zusammenhänge aufzeigt oder die Grenzen einer Theorie hervorhebt. Bereits in der Schule wird der französischen Jugend die „Dissertation“, die Königsdisziplin der akademischen Welt, vermittelt.
Die schriftliche Form besteht noch immer als gängige Prüfungsart an Hochschulen – nach Multiple-Choice-Tests sucht man hier vergeblich. Stattdessen wird von den Studierenden erwartet, das Gelernte als dialektische Erörterung umzusetzen. Zuerst geht es darum, Argumente zu finden, die eine bestimmte These stützen. Danach zeigt man die Konflikte auf, die sie hervorruft. Wichtiger als die Argumentation scheint jedoch die Einleitung zu sein, die möglichst packend zur Problematik hinführen und nebenbei wichtige Begriffe klären soll. Nach dem Hauptteil antwortet das Fazit auf die Problematik und regt zum weiteren Nachdenken über das Thema an. So sähe eine gelungene, französische Dissertation aus.
Die Grundstruktur folgt zwar meistens diesem Muster, aber es anzuwenden, stellt für uns Deutsche eine Herausforderung dar. Das fängt damit an, die passende Problematik zum vorgegebenen Thema zu finden. Diese muss einen inneren Widerspruch des Themas ansprechen, darf es aber weder zu konkret noch zu global behandeln.
Dies erfordert eine ganz bestimmte Denkweise, die sich durch unseren gesamten Schulalltag zieht. So habe ich stets das Gefühl, jede Menge Energie für die einfachsten Denkprozesse aufwenden zu müssen. Ich werde versuchen, es in erster Linie als Bereicherung anzusehen – es kann nie schaden, seine eigene Welt einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Autor: Lea  |  Rubrik: studium  |  Dec 7, 2017
Autor: Lea
Rubrik: studium
Dec 7, 2017

Studieren im Ausland

Über Neugierde

Manchmal bin ich echt genervt von der vielen Lernerei, die mir die Freizeit raubt und die Möglichkeit, Brügge und Umgebung zu entdecken. Aber teilweise sitze ich auch vor meinen Büchern und stelle überrascht fest, dass mir das Ganze Spaß macht. Der Grund? Die Neugierde.
Im Kurs zu politischer Ökonomie erfahren wir mehr über das Zustandekommen der Weltwirtschafts- und Eurokrise und die Lösungen, die daraufhin angestrebt worden sind. Wie kann es sein, dass es eine ganze Armada von Wirtschaftswissenschaftlern und Marktregulierern gibt und die Weltwirtschaftskrise weder vorausgesehen wurde noch verhindert werden konnte? Wie kann es sein, dass es in der Wissenschaft gewichtige Stimmen gibt, die bestimmte tiefgreifende Veränderungen in der Wirtschafts- und Währungsunion fordern – und diese bitter nötigen Reformen teilweise gar nicht, nur langsam oder nur widerwillig durchgeführt worden sind?
Im Simulationsspiel zu einem aktuellen Gesetzgebungsvorschlag lernen wir, wie das Gesetzgebungsverfahren in Europa läuft, welche Interessen und Strategien die einzelnen Akteure verfolgen und wie langwierig der Prozess von Gesetzgebungsvorschlag bis zum tatsächlichen Erlass des Gesetzes ist. Nicht nur zu unserer Freude – denn dazu gehören 300-seitige PDF-Dokumente mit 600 Anmerkungen. Wir beschäftigen uns aber auch mit konkreten Fragen: Was wäre denn eine gute Regelung für ein Asylverteilungsmechanismus in Europa? Was wäre fair für alle Betroffenen?
Und schließlich der juristische Kurs, in dem es um den institutionellen Aufbau der EU geht. Ein Grund, warum ich in Brügge einen politikwissenschaftlichen Master machen wollte, ist, dass ich eine Pause von Jura haben wollte. Das heißt aber nicht, dass mir Jura keinen Spaß macht. Und so kommt es schon mal vor, dass ich mich beim Essen zu den anderen Juristen dazu mogle und ausführlich über einen juristischen Zusammenhang zwischen deutschem und europäischem Recht diskutiere – und das macht wirklich Spaß.
Das ist der Schlüssel zu Spaß am Lernen: Neugierde – sich begeistern für das, was man macht; das verstehen wollen, was man liest; alles in einen größeren Kontext setzen und mit dem Wissen verbinden, was man schon hat.

Autor: Luisa  |  Rubrik: studium  |  Dec 4, 2017
Autor: Luisa
Rubrik: studium
Dec 4, 2017