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Studieren im Ausland

Dissertation à la française

Autor:
Lea

Rubrik:
studium

07.12.2017

In „Lectures franco-allemandes“, einem Modul speziell für unseren Studiengang, sollen sich die deutschen und französischen Studierenden kultureller Unterschiede bewusst werden. Diese nehmen im Handeln, der Sprache oder der Arbeits- und Denkweise Gestalt an, unter anderem auch in Referaten.
Gemeinsam mit meiner französischen Partnerin präsentierte ich vor einiger Zeit soziologische Erklärungsansätze für das Verhalten wirtschaftlicher Akteure. Im Anschluss daran sprach uns unsere Dozentin auf die typisch deutsche Struktur unseres Referates an und bat uns, den Unterschied zur Französischen zu erklären. Wir hatten nacheinander die drei soziologischen Theorien in jeweils eigenen Gliederungspunkten vorgestellt und am Ende den Zusammenhang erklärt, um Wissen zu vermitteln. Ein Referat „à la française“ wäre anders aufgebaut: Die Herangehensweise an Themen bei einem französischen Referat basiert immer auf einer Form von Argumentation, die das Wissen bereits vorstrukturiert, indem sie Gegensätze und Zusammenhänge aufzeigt oder die Grenzen einer Theorie hervorhebt. Bereits in der Schule wird der französischen Jugend die „Dissertation“, die Königsdisziplin der akademischen Welt, vermittelt.
Die schriftliche Form besteht noch immer als gängige Prüfungsart an Hochschulen – nach Multiple-Choice-Tests sucht man hier vergeblich. Stattdessen wird von den Studierenden erwartet, das Gelernte als dialektische Erörterung umzusetzen. Zuerst geht es darum, Argumente zu finden, die eine bestimmte These stützen. Danach zeigt man die Konflikte auf, die sie hervorruft. Wichtiger als die Argumentation scheint jedoch die Einleitung zu sein, die möglichst packend zur Problematik hinführen und nebenbei wichtige Begriffe klären soll. Nach dem Hauptteil antwortet das Fazit auf die Problematik und regt zum weiteren Nachdenken über das Thema an. So sähe eine gelungene, französische Dissertation aus.
Die Grundstruktur folgt zwar meistens diesem Muster, aber es anzuwenden, stellt für uns Deutsche eine Herausforderung dar. Das fängt damit an, die passende Problematik zum vorgegebenen Thema zu finden. Diese muss einen inneren Widerspruch des Themas ansprechen, darf es aber weder zu konkret noch zu global behandeln.
Dies erfordert eine ganz bestimmte Denkweise, die sich durch unseren gesamten Schulalltag zieht. So habe ich stets das Gefühl, jede Menge Energie für die einfachsten Denkprozesse aufwenden zu müssen. Ich werde versuchen, es in erster Linie als Bereicherung anzusehen – es kann nie schaden, seine eigene Welt einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

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